17.11.2014 · smart steuern ·

Warum werden Steuersünder eigentlich nicht Steuerbetrüger genannt?

Die Zahlen sind beeindruckend: Bis Mitte Oktober haben sich im Jahr 2014 schon fast 32.000 Steuerhinterzieher selbst angezeigt, berichtet die Welt am Sonntag. Vor knapp zwei Jahren lag die Zahl bei gerade mal 8000. Pure Nächstenliebe oder ein spontanes übermächtiges Reuegefühl stecken allerdings kaum hinter dieser rasanten Entwicklung. Lesen Sie, warum Zehntausende mit einem offenbar hinreichend großen Vermögen urplötzlich entdecken, dass sie bisher eventuell ein paar Euro zu wenig an Steuern bezahlt haben. Möglicherweise über viele Jahre lang. Und meist auch nicht nur ein paar Euro. Und lesen Sie, warum der Begriff Steuersünder die ganze Angelegenheit verharmlost.

Angezeigt: Selbst ist der Mann (oder die Frau)

Die Liste der Prominenten reicht von Boris Becker über Freddy Quinn und Paul Schockemöhle bis Alice Schwarzer. Sie alle (und noch viel mehr) standen in den vergangenen Jahren wegen Steuerhinterziehung in den Schlagzeilen. Noch mehr im Rampenlicht:  der ehemalige Präsident des FC Bayern München. Uli Hoeneß wurde – für viele überraschend – sogar zu dreieinhalb Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Das ungewohnt hohe Strafmaß gab es vor allem, weil das Gericht seine Selbstanzeige als ungültig erklärte. Selbstanzeige? Richtig, mutmaßliche Steuerhinterzieher können in Deutschland ihren Kopf aus der Schlinge ziehen (oder sich aus dem Knast), wenn sie sich rechtzeitig selbst anzeigen. Experten sprechen in diesem Fall von einer strafbefreienden Selbstanzeige.

Ein Fall von Steuermoral? Wohl kaum!

Der aktuelle Ansturm auf die Finanzämter mit eben diesen Selbstanzeigen hat nur einen Grund: Geld! Denn ab 2015 sollen die Kriterien für die Strafbefreiung verschärft werden. Nun will ich Sie nicht mit zu vielen Zahlen langweilen, geht es doch hier meist eh um Geldbeträge, von denen die meisten nur träumen können. Nur soviel: Wer sich erst 2015 selbst anzeigt und straffrei bleiben will, muss dann schon ab 25.000 Euro hinterzogener Steuern eine Strafgebühr zahlen. Bisher wurde die Gebühr erst ab einer Höhe von 50.000 Euro fällig. Zudem erhöht sich die Strafgebühr prozentual, abhängig von der Höhe der Steuersumme. Und schließlich müssen auch noch Hinterziehungszinsen gezahlt werden.

Damit nicht genug: Immer mehr Länder, darunter ausgerechnet so beliebte Steueroasen wie Liechtenstein  oder die Cayman-Inseln, haben sich in diesem Jahr auf Standards verständigt, anhand derer die Konten etwaiger Steuerflüchtlinge identifiziert und deren Daten ausgetauscht werden können. Die Angst vor diesen neuen Regeln spülte den Finanzministern der Bundesländer in diesem Jahr schon deutlich mehr als eine Milliarde Euro in die Kassen. Schlechte Zeiten für zahlungsunwillige Großverdiener.

Kann denn Steuerhinterziehung Sünde sein?

Fast möchte ich aufstehen, um den Steuerhinterziehern zu applaudieren. Oder wenigstens meinen nicht vorhandenen Hut ziehen. Wie großzügig sie doch sind. Nahezu freiwillig zahlen sie also (doch noch) ihre Steuern. Doch Schluss mit der Ironie, die Ihnen sicher schon an der einen oder anderen Stelle aufgefallen ist. Wie werden diese in die Enge getriebenen Steuerbetrüger meist in der Presse genannt? Richtig: Steuersünder! Wie niedlich, möchte ich sagen. Diese armen Sünder. Zeigen sie doch, wie ein anständiger Sünder, tätige Reue. Und trotzdem müssen Sie die Steuern bezahlen, die sie dem deutschen Fiskus – und damit uns allen – manchmal gleich jahrelang vorenthalten haben. Da kann man ja fast Mitleid kriegen. Wie gesagt: fast.

Wissen Sie, wie viele Treffer Google für „Steuersünder“ ausspuckt: 634.000. Beim Suchbegriff „Steuerbetrüger“ hingegen geht die Zahl prompt auf 174.000 zurück. Wenn es nach mir ginge, dürfte sich dieses Verhältnis gern umdrehen. Wir sollten nicht vergessen: Steuerhinterziehung ist nicht ohne Grund eine Straftat, die mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet wird. Mit einem „Kavaliersdelikt“ hat es jedenfalls nichts zu tun. Denn all diese Leute, die sich jetzt noch schnell frei kaufen, haben – oft jahrelang – ein gehöriges Maß an (krimineller) Energie entwickelt, um ihr Vermögen am Fiskus vorbei zu schleusen. Und das ist deutlich mehr als nur eine Sünde. Meine ich. Was meinen Sie?


Franziska Zachert Geschrieben von:

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Bisherige Kommentare (Selber ein Kommentar hinterlassen)

  • Avatar Dominik sagt:

    Sehe ich genauso. Jetzt muss die Politik nur noch das Thema mit dem kleingerechneten Gewinnen der Konzerne Apple, Starbucks, Google, Facebook, Amazon und wie sie nicht alles heißen in den Griff kriegen. Immerhin geht es hier auch um rund 1 Billion Euro Steuern, die in der EU gut aufgehoben wären.


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