02.12.2014 · smart leben ·

smart Steuern oder: Autofahren im 21. Jahrhundert

Zuhause habe ich den Übergang in die Gegenwart hinter mir: Der große Desktop-PC wurde vor Jahren abgeschafft, alles wichtige ist problemlos mit dem Laptop zu erledigen. Beim Auto ist es genau andersrum: Bis vor kurzem lebte ich noch mein Faible für eher betagte Automobile aus. Der Vorteil: Die Zahl der Knöpfe und Schalter war recht übersichtlich, die Werkstatt kam bei Problemen sofort zur Sache und das gestresste Fahrer-Gehirn ging nach dem Losfahren automatisch in eine Art Langstrecken-Standby-Modus.

Solange sich keine blinkenden Warnmeldungen in die stillgelegten Rindenschichten des Haupthirns bohrten war alles okay. Aber zugegeben: Genau diese dämlichen Meldungen kamen in immer kürzer werdenden Abständen. Und irgendwann fand ich keine befriedigenden Antworten mehr auf die Frage: „Was ist denn jetzt schon wieder kaputt?“.

Nachdem ich alle Abschleppdienste Norddeutschlands durch hatte, kapitulierte ich. Ich gab das alte Schlachtschiff mit einer gewissen Wehmut in Zahlung und bin jetzt Eigentümer eines modernen Kleinwagens mit Blitz vorne dran. Aber: Ist das eigentlich noch ein Auto? Das neue Gefährt kommt mir vor wie ein riesiger Computer auf Rädern. Und das macht mich ein klein bisschen nervös. Ich bin lange genug in der EDV tätig um zu wissen, wie schnell da ein fehlgeleitetes Byte aus der Kurve driften kann.

Dabei habe ich mir mitnichten einen großen Audi oder gar einen Mercedes gegönnt – ich bin ein alter Opel-Popel und fahre nun seit einigen Tagen einen fast neuen Astra. Ob der mit Intel oder AMD betrieben wird, keine Ahnung. Aber es ist für mich der erste Wagen, der nach dem Start einen „Systemtest“ durchführt und erst mal sämtliche Tacho-Anzeigen herumwirbeln lässt. Ob das für Vertrauen sorgen soll? Immerhin geben mir die kurzzeitig außer Rand und Band geratenen Kontrollen zu verstehen, dass der schnuckelige Astra im Stand mal eben von 0 auf 260 beschleunigt. Und dabei absolut nichts verbraucht außer einer Schrecksekunde für den unbedarften Erstbesucher.

Wenn sich der dann nicht in ähnlichem Tempo anschnallt, naht bereits die nächste Überraschung: Ein rhythmisches „Ping Ping Ping“ aus allen sechs Lautsprechern signalisiert einen herrenlos herumvagabundierenden Gurt, der schleunigst anzulegen ist, will man keinen Tinnitus riskieren.

Gut, Gaspedal, Kupplung und Bremse haben sich anscheinend seit der Weimarer Republik eher wenig verändert. Das gilt allerdings keineswegs für das Multifunktions-Lenkrad, die fantasiereich mit ungezählten Extra-Funktionen verzierten Blinker- und Wischerhebel und vor allem für das sich in der Mittelkonsole ausbreitende, wie soll ich es nennen, interaktive Multi-Funktions-Bedienpanel-mit-aha-und-oho-Effekten-und-sonstigem-Schnickschnack. Wer aus einem alten Opel Omega des 20. Jahrhunderts steigt und sich übergangslos dieser blinkenden Knopf-Armada gegenüber sieht, wird sich eher in einem Star Trek-Ambiente denn in einem schlichten PKW wähnen.

Vor den ersten Fahrten saß ich fasziniert, aber auch etwas ratlos vor Knöpfen, deren kryptische Symbole für irgendeine bestimmt unglaublich wichtige Funktion standen. Allein, auch im 300-seitigen Bedienungshandbuch war längst nicht alles erklärt. Todesmutig wagte ich mich dennoch auf die Straße und wartete auf die erste Warnmeldung.

Ich war noch keine hundert Kilometer gefahren, da war es soweit. Das Warnsymbol <Brake> leuchtete auf, aus den Lautsprechern trommelten alarmierende Pings im DrIMG_2581eivierteltakt und im rotgeränderten Display meldete der Astra ein Problem mit dem Bremsassistenten. Nachdem meine Beifahrerin eine halbe Stunde später den Fehler auch im Handbuch lokalisieren konnte, las sie mir die vernichtende Meldung vor: „Sofort die Fahrt abbrechen und eine Vertragswerkstatt aufsuchen.“

Da eh nicht beides zugleich möglich war fuhr ich mit vollem Risiko weiter, die rechte Hand vorsichtshalber auf der Handbremse (die laut Bedienungsanleitung übrigens „Parkbremse“ heißt. Ts.) und kalten Angstschweiß auf der Stirn. Außerdem war es eh nicht mehr weit bis zu meinen Eltern, denen ich das schicke neue Automobil eigentlich stolz vorführen wollte. Alles deutete auf fehlende Bremsflüssigkeit hin. „Das kann schon mal passieren, wenn doch gerade erst eine Inspektion gemacht wurde“, dachte ich, Wut und Verzweiflung mit einer Prise Zynismus mischend.

Im Geiste rekapitulierte ich die Gespräche mit dem Autoverkäufer, die allesamt auf immer dasselbe Fazit herausliefen: Ich will erstmal meine Ruhe haben, was Probleme mit dem Auto betrifft. Na, das war wohl nix. Ich stellte mich auf nervige Telefongespräche mit dem Opel-Mobil-Service ein und – viel schlimmer – auf die hämischen Kommentare meiner Umwelt: „Hundert Kilometer ohne liegenzubleiben: Das ist doch supi! Und dann sogar mit einem Opel!“

Meiner Mutter schwärmte ich von dem schicken Auto vor, meinem Vater (der hatte mich ja schließlich auf Opel geprägt und fuhr selbst einen Astra) beichtete ich das Problem. „Mach doch mal die Haube auf“, schlug er vor. „Wozu das?“, dachte ich, „bei neuen Autos sind die Zusammenhänge zwischen solchen Fehlermeldungen und den lustigen Dingen, die da unter der Haube vor sich hin werkeln, doch eh nicht mehr zu verstehen, geschweige denn zu beheben…“. Aber ich fügte mich. Es war ja eh alles egal.

Schnell stellte er fest, dass es dem Astra nicht an Bremsflüssigkeit mangelte. Er ruckelte an den Steckern herum, guckte in alle Ecken und schüttelte den Kopf. „Tja…“. Da waren wir einer Meinung.

Als wir wieder losfuhren stellte ich mich auf die Ping-Salve und die begleitenden Fehlermeldungen ein. Aber nichts passierte. So wie es schien, hatte allein das beherzte Rütteln und Schieben an den Kontaktsteckern das Problem behoben.

Voller Zweifel ging es zurück. Nichts passierte. Nachdem wir rund zweihundert Kilometer später wieder Zuhause waren, stellte sich mir eine Frage: Was ist denn nun smart? Die vollelektronische Fehlersteuerung mit donnernden Pings aus 5.1-Lautsprechern und bunten Warnmeldungen in allen zur Verfügung stehenden Displays? Oder der beherzte Handgriff hinein in die Kabelwelten, inklusive eines allumfassenden „Tja…“?

Ich tendiere zu Letzterem.


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