15.05.2016 · smart leben ·

Prokrastination: Faulheit oder Krankheit?

Uff, manche Aufgaben sind einem doch wirklich lästig. Da ist der perfekte Zeitpunkt für den Frühjahrsputz schon längst überschritten und noch immer stapelt sich die Bügelwäsche der letzten Wochen neben einem Papierberg, den man schon an den vergangenen fünf Tagen wegsortieren wollte. Den Geburtstagsanruf bei Onkel Willi schiebt man auch schon seit dem Frühstück vor sich her und wie lange hat man sich nicht schon vorgenommen, einen Arzttermin zu vereinbaren und das Sonnensegel für den Balkon vom Dachboden zu holen? Dauert doch alles keine Ewigkeit, wo also liegt das Problem? Die meisten Aufgaben, die wir immer wieder auf die lange Bank schieben wären im Nu abgehakt – würden wir uns nur überwinden können, sie einfach anzupacken. Stattdessen verdrängen wir den Gedanken absichtlich, machen uns so selbst ein schlechtes Gewissen und stehen der eigenen Produktivität breitbeinig und mit verschränkten Armen im Weg. Was also soll diese Prokrastination?

Komm ich heut nicht, komm ich morgen…

Ach ja, was man nicht alles eigentlich müsste, könnte oder sollte: Die Liste der Dinge, die wir uns vornehmen oder als Pflicht empfinden und dann doch wieder aufschieben, ist gern mal so lang wie der Nord-Ostsee-Kanal. Etwa 20 % der Bevölkerung führen Studien zufolge ein Leben unter der Flagge des Konjunktivs und schleppen unliebsame Tätigkeiten wie den Hausputz, bürokratische Angelegenheiten oder die Kontaktaufnahme zu bestimmten Personen oder Einrichtungen wie ein schweres Netz hinter sich her. Ein ordentlicher Ballast, der für manche Leute ernsthafte psychologische Konsequenzen bedeuten kann. Wird das Prokrastinieren nämlich zur Gewohnheit, beißen die Schuldgefühle und Betroffene geraten leicht in einen Strudel aus Selbstvorwürfen und Minderwertigkeitsgedanken. Aus diesem hausgemachten Gefühl des Versagens wird so mitunter ein reales Scheitern auf privater oder beruflicher Ebene und nicht selten rutschen Menschen mit ausgeprägter Aufschieberitis sogar in eine handfeste Depression. Experten sind sich daher einig: Prokrastination ist nicht einfach nur Faulheit, sondern vielmehr ein ernstzunehmendes pathologisches Problem der Selbststeuerung.

Wer ist betroffen?

Bereits seit etwa 40 Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler und Mediziner verstärkt mit der weit verbreiteten Arbeitsstörung. Und die macht erwiesenermaßen vor niemandem Halt. Immerhin bestätigt der Berliner Psychoanalytiker und Bestseller-Autor Hans-Werner Rückert, dass ein bisschen Aufschieberei im Alltag völlig normal und manchmal ja auch durchaus vernünftig ist. In jeder Kultur und unabhängig von Alter, Schicht und Lebensweise sind die Menschen gleichermaßen von Prokrastination betroffen – Männer genauso wie Frauen. Besonders häufig begegnet man ihr jedoch unter Studenten, wie eine großangelegte Querschnittsstudie an der Universität Münster belegen konnte. Von den teilnehmenden Studierenden, das ergab die Untersuchung, litten 7 % so stark unter den Symptomen ihrer eigenen Verdrängungstaktik, dass ihre Werte im Durschnitt diejenigen der Personen überschritten, die sich aufgrund ihrer Prokrastinationstendenz in psychologische Behandlung begeben. Der Grund: Seit der Umstellung auf das internationale Bachelor- und Mastersystem stehen Studenten in der Regel unter einem extremen Abgabedruck, was Referate und wissenschaftliche Ausarbeitungen betrifft. Und gerade derartige To-dos sehen die Forscher neben Hausputz und Zettelkram als Hauptauslöser des Problems.

Auslöser der Prokrastination

Die Gründe für das Aufschieben wichtiger To-dos sind vielfältig und einige kennen wir alle nur zu gut. Im einfachsten Fall empfindet man die anstehende Aufgabe schlicht und einfach als lästig, überschätzt den mit ihr verbundenen Aufwand, hat keine Lust sich anzustrengen oder stuft die eigene Leistungsfähigkeit als zu niedrig ein – ich kann das heute nicht mehr, heißt es dann gern. Oft mischt dabei die Sorge mit, nicht das erwünschte Ergebnis zu erzielen, was manchmal sogar zu einer waschechten Versagensangst wachsen kann. Manchmal überwindet man den inneren Schweinehund auch und packt es endlich an, aufgrund einer akuten oder gar langfristigen Konzentrationsschwäche ist man aber nach wenigen Minuten schon wieder abgelenkt, geht zur Toilette oder macht sich „nur schnell“ etwas zu essen und der innere Kampf beginnt von vorn. Kann man sich auch beim x-ten Anlauf nicht auf das Wesentliche fokussieren und tritt dieses Problem in verschiedenen Lebenslagen immer wieder auf, steckt möglicherweise ein ernstzunehmendes Defizit dahinter. Genauso verhält es sich, wenn es dauerhaft an vernünftiger Planung mangelt, Prioritäten falsch oder erst überhaupt gar nicht gesetzt werden und das Zeitmanagement von vorn bis hinten nicht funktioniert. Einige Menschen brauchen den Druck der letzten Minute aber auch, um zu Höchstleistungen aufzulaufen: Den sogenannten Erregungsaufschiebern verhilft die Prokrastination zu einem wahren Adrenalin-Kick.

Bin ich schon krank?

So ganz allgemein und aus der Ferne lässt sich natürlich nicht diagnostizieren, ob das individuelle Ausmaß der Prokrastination bereits bedenklich ist und eventuell einer möglichst flotten Behandlung bedarf. Hier sollte jeder auf seinen eigenen Bauch hören und sich die folgende Frage ehrlich beantworten: Komme ich trotz Aufschieberitis privat wie beruflich gut durchs Leben oder beeinträchtigt sie mich so stark, dass ich insgeheim darunter leide? Im Zweifel kann ein Besuch beim Facharzt für psychische Erkrankungen helfen. Anhand von Gesprächen und Fragebögen fördert er die auslösenden Faktoren zutage und unterzieht die potentiellen Defizite einer gründlichen Analyse. In Einzel- und Gruppensitzungen geht es nun ans Eingemachte – hier wird auf verschiedenen Ebenen sukzessive ein gesünderes Arbeitsverhalten trainiert. So schulen die Experten Betroffene mit den Mitteln der kognitiven Verhaltenstherapie beispielsweise in realistischer Planung, der Strukturierung und Priorisierung ihrer Aufgaben sowie im Umgang mit Ablenkungsquellen und störenden Gedanken oder Gefühlen.

Durch dieses systematische Erlernen neuer Gewohnheiten gelingt es chronischen Aufschiebern in der Praxis oft, die unliebsame Prokrastination und mit ihr alle belastenden Auswirkungen einfach über Bord zu schmeißen. Ihr möchtet lieber erstmal testen, ob ihr die Sache nicht selbst in den Griff bekommt? Kein Problem, ich melde mich in Kürze mit ein paar hilfreichen Alltagstipps zurück – ganz sicher!

 


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