05.07.2016 · smart leben ·

Ärger mit dem Flieger – das sind Ihre Rechte

Es ist die schönste Zeit des Jahres und dann passiert es: Ihr Flieger hat massig Verspätung, ist überbucht oder fällt gleich ganz aus. Das kann den Urlaub aber mal so richtig vermasseln. Und dann? Natürlich kann jedermann selbst sein Recht einklagen und eine Entschädigung einfordern. Welche Rechte Sie haben, und wie Sie Ihre Rechte auch durchsetzen – Sie lesen es hier.

EU macht sich stark für Rechte der Fluggäste

Wir hatten es vor kurzem schon: Die EU ist manchmal wirklich besser als ihr Ruf. Sie kümmert sich um sinkende Preise für die Handynutzung im EU-Ausland – und auch um die Rechte von Fluggästen – geregelt in der EU-Fluggastrechteverordnung. Bürokratische Begriffe müssen dann offenbar doch immer noch sein. Aber Spaß beiseite, es gibt eigentlich klare Regeln, in welchen Fällen Fluggästen eine Ausgleichszahlung zusteht.

  • Ab einer Verspätung von drei Stunden gelten die gleichen Regeln wie bei der Annullierung eines Fluges.
  • Die Höhe der Entschädigung ist nicht abhängig vom Reisepreis, sondern von der Länge der Flugstrecke.
  • Es gibt 250 Euro (bei einer Flugstrecke bis 1.500 Kilometer), 400 Euro (bis 3.500 Kilometer) und 600 Euro (ab 3.500 Kilometer).
  • Ausnahmen sind „außergewöhnliche Umstände“, etwa ein Streik oder schlechtes Wetter. Technische Probleme gehören aber nicht dazu.

Fluggesellschaften sitzen Forderungen oft aus

Um zu erklären, warum es trotz der eigentlich recht eindeutigen Rechtslage nicht so einfach ist, an seine Entschädigung ranzukommen, gebe ich zwei Beispiele:
So hatte Germanwings einen Passagier abgewiesen mit der Begründung, dass die Maschine exakt 2 Stunden 58 Minuten zu spät auf der Rollbahn aufgesetzt habe. Erst der Europäische Gerichtshof (EuGH) machte dem ein Ende. Nun zählt rechtsverbindlich für eine Verspätung, wann die erste Tür am Flugzeug geöffnet wird (Az: C-452/13).
Oder Air France, die einer Frau, die in Paraguay mit 11 Stunden Verspätung ankam, erklärte, dass der Abflug ja nur 2,5 Stunden zu spät gewesen sei. Auch hier entschied letztlich der EuGH zugunsten von Flugpassagieren, maßgeblich ist die Verspätung am Reiseziel.
Und generell wird oft mit dem Wort „Streik“ argumentiert – getreu dem Motto: Irgendwo wird schon ein Streik gewesen sein. Das Verhalten der Fluggesellschaften ist vor allem mit einem Wort zu beschreiben: Abwimmeln!

Professionelle Helfer setzen Rechte durch

Zum Glück gibt es aber verschiedene Möglichkeiten, doch noch an sein Geld zu kommen:

  • Schlichtungsstelle im öffentlichen Personenverkehr: Sie können sich erst an die SÖP wenden, wenn Sie von der Fluglinie keine vernünftige Antwort bekommen haben. Die SÖP handelt dann eine Schlichtung zwischen Ihnen und der Fluggesellschaft aus. Diese ist bindend, wenn Sie und die Fluglinie zustimmen. Das Ganze ist für Passagiere kostenfrei, funktioniert aber nur, wenn die Airline auch Mitglied im SÖP ist.
  • Fluggastrechtportale im Internet: Der schnellere Weg. Sie geben auf Internetseiten wie Fairplane, EUClaim, Flightright Ihre Flugdaten ein, der jeweilge Anbieter lässt Sie schnell wissen, ob er Ihren Fall für erfolgsträchtig hält und ihn deshalb übernimmt. Ist das so, müssen Sie sich um nichts mehr kümmern. Der Anbieter nimmt Kontakt mit der Fluglinie auf, stellt die Forderung und geht im Zweifel auch vor Gericht. Alles auf sein Risiko. Denn erst wenn Sie Ihre Entschädigung bekommen, verlangen die Fluggastrechtportale ihren Anteil, meist zwischen 25 – 30 Prozent der Summe. War der jeweilige Anbieter erfolglos, müssen Sie auch nichts bezahlen. Mittlerweile gibt es auch Anbieter wie EUFlight, die sofort nach Ansicht eines erfolgsträchtigen Falles die Entschädigung zahlen – allerdings ist dann die Provision 40 Prozent und mehr.
  • Rechtsanwalt: Sie können natürlich auch einen Anwalt beauftragen. Ist der erfolgreich, muss die Fluggesellschaft auch dessen Kosten übernehmen. Wenn Sie den Rechtsstreit aber verlieren sollten, müssen sie Ihren Anwalt aber selbst bezahlen. Es sei denn, Sie haben eine Rechtsschutzversicherung, die Ihren Fall auch abdeckt.

Bleibt für uns alle nur zur hoffen, dass wir das Wissen aus diesem Artikel nie brauchen mögen…


Franziska Zachert Geschrieben von:

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LETZTE BEITRÄGE

Bisherige Kommentare (Selber ein Kommentar hinterlassen)

  • Avatar Natalie Loos sagt:

    Ich hatte dieses Problem im März aufgrund des Fluglotsenstreiks in Frankreich. Ich saß eine Nacht in Amsterdam fest und hatte einen kompletten Tag Ausfall dadurch.
    Mir wurde mitgeteilt, dass dies nicht Verschulden der Fluggesellschaft war und ich deswegen keinen Anspruch auf Entschädigung hätte. Es gab nicht einmal ein paar Bonusmeilen.

  • Franziska Sobolowski Franziska Sobolowski sagt:

    Hallo Natalie, hast du es bei der Schlichtungsstelle versucht?

  • Avatar Till Heinrich sagt:

    Danke für den Artikel!
    Leider ist das Thema Gültigkeit oder Anwendbarkeit der Schutzmaßnahmen unterrepräsentiert:
    Fluggastrechte gelten bei internationalen Flügen sogar nur in eine Richtung oder andere Geselslchaften, die am deutschen Markt sehr präsent sind, unterliegen quasi keiner Maßnahme des Verbraucherschutzes…

    Da kann es schobmal vorkommen, dass eine Muttet mit Säugling in Istanbul im Terminal wegen Verspätung feststecken und die Fluggesellschaft bei Beschwerden auf mind. eine Woche Bearbeitungszeit besteht und den Fluggast dazu bewegen will, den Flughafen zu verlassen…

  • Avatar Alex sagt:

    Wir hatten letztes Jahr mit einer großen deutschen Airline 23 Stunden Verspätung von Miami nach Düsseldorf. Nach 2 Einschreiben und 4 Mails keine Reaktion, nach Schreiben unseres Rechtanwalts keine Reaktion. Erst nach Klageeinreichung wurde reagiert -> Anerkenntnisurteil. Ende vom Lied: Aus 2x 600 € Kosten für die Airline (unsere Entschädigung) kamen noch über 40 € Zinsen dazu, unsere RA-Kosten (ca. 250 €) und Gerichtskosten (über 350 €). Ich vermute, dass die einfach kühn rechnen, dass viele den Gang zum RA und sogar Gericht scheuen. Schade an der Regelung, dass Landungen (nur Starts) von nicht-EU-Airlines in der EU nicht inbegriffen sind.

  • Avatar Christian Haager sagt:

    Es ist in der Tat richtig, dass die Fluggesellschaften immer wieder versuchen durch nicht Beantwortung oder fehlerhafte Behauptungen (technische Defekte seien ein unabwendbares Ereignis) versuchen die Fluggäste abzuwimmeln. Sie nehmen auch die Kosten durch Rechtsanwälte und Klageverfahren in Kauf. Da offensichtlich sehr wenige Fluggäste wegen € 250 oder auch € 600 Klage erheben, zahlen die meisten Airleines erst wenn Klage eingereicht ist. Deshalb muss man allen geschädigten Fluggästen raten nur die Ansprüche geltend zu machen, wenn man auch bis zum Äussersten (Klageerhebeung) bereit ist. Nach Einreichung der Klage wird in der Regel sehr schnell gezahlt, noch bevor es zu einem Gerichtstermin kommt.

  • Avatar Felix Struck sagt:

    Ach je, wenn ich das Wort „Entschädigung“ oder „Fluggastrecht“ schon höre sträuben sich mir die Nackenhaare… Leider weil ich schon damit meine Erfahrungen gemacht habe. Mein Flug nach Lettland hatte über 5 Stunden Verpätung, die natürlich alle Passagiere zusammengepfercht in der Boarding-Zone verbringen mussten.

    Ohne jegliche Information warum es denn zu einer solchen Verspätung kam, änderte sich die Verpätungsanzeige praktisch halbstündlich. Irgendwann kam dann eine ebenso ahnungslose Stewardess und drückte mir einen 5 Euro Voucher in die Hand, mit dem man ja mit Glück gerade mal einen Kaffee und Muffin bekommen kann (mit sehr viel Glück…). Der Flieger trudelte dann irgendwann ein und es ging los. Allerdings hatte der FLieger nun soviel Verpätung, das ich zu spät am Flughafen ankam um einen geeigneten Transfer zum Reiseziel zu bekommen, ein Taxi musste her, super teuer und ab zum Hotel (das glücklicherweise noch einchecken ließ).

    Und die Airline (ich sage nur, sie ist Irisch) hatte nichtmal den Anstand die wirklich gerine Entschädigung von 250€ zu zahlen. Erst als ich verzeifelt versucht habe durch https://www.flugrecht.de/ an das Geld zu kommen, hat es geklappt. Ich war so dermaßen enttäuscht und frustriert, und werde nie wieder mit dieser Airline fliegen.

    Aber ich kann jedem nur empfehlen ein Fluggastrechtportal im Internet zu nutzen. Die sind die einzigen, die was taugen (ein Anwalt ist zu teuer).

  • Avatar Roger Hitz sagt:

    Ich will nicht unbedingt sagen, das ein Anwalt zu teuer ist, dafür gibt es immerhin eine Rechtschutzversicherung. Trotzdem würde ich auch immer wieder den Weg über ein Portal wie https://www.claimflights.de gehen. Da bekommt man die ganze Arbeit abgenommen, und muß nicht einmal das Haus verlassen


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