13.02.2017 · smart steuern ·

Steuerlatein Teil 3: Kalte Progression

Nach Mittelstandsbauch und Vermögensteuer erklären wir in unserer kleinen Serie „Steuerlatein für jedermann zur Bundestagswahl 2017“ heute den nächsten Begriff. Es ist einer, den Finanzpolitiker immer wieder gern in den Mund nehmen, von dem viele aber nicht ansatzweise wissen, was er eigentlich bedeutet. Kalte Progression klingt irgendwie auch nicht wirklich positiv, sondern eher nach einer sich lang hinziehenden Krankheit, von der man eine ganze Weile was von hat – im negativen Sinne.

Die Steuerprogression

Um zu erklären, was die kalte Progression ist, müssen wir uns zuerst mit der (Steuer-) Progression selbst beschäftigen. Die Progression beschreibt ein Phänomen, dass die meisten schon erlebt haben. Steigt das zu versteuernde Einkommen, steigt auch zugleich (zusätzlich) der Steuersatz. Das heißt vereinfacht: Wer mehr verdient, zahlt nicht nur absolut mehr Steuern, er zahlt auch prozentual mehr Steuern. Muss zum Beispiel ein Geringverdiener 15 Prozent seines Einkommens als Steuern zahlen, „darf“ ein Spitzenverdiener 35 Prozent seines (viel höheren) Einkommens an Steuern abführen. Die Steuerprogression in Deutschland ist prinzipiell sogar vom Bundesverfassungsgericht abgesegnet. Grund dafür sei das Leistungsfähigkeitsprinzip. Das heißt, jeder leistet seinen steuerlichen Beitrag in Abhängigkeit von seiner Leistungsfähigkeit. Wer viel hat, zahlt viel, wer wenig hat, zahlt wenig.

Kalte Progression = heimliche Steuererhöhung

Klingt die Grundidee der Steuerprogression irgendwie gut und gerecht, ist es die kalte Progression ganz eindeutig nicht. Grob gesagt besagt diese, dass Steuerzahler trotz steigender Einkommen weniger Geld ganz real in der Tasche haben. Wie soll das denn gehen, fragen Sie? Nun, stellen Sie sich vor, Sie haben eine Lohnsteigerung von 2 Prozent auf Ihr Gehalt. Klingt erstmal gut. Nun, gleichzeitig beträgt die Inflation ebenfalls 2 Prozent. Was erstmal nach einem „Nullsummenspiel“ klingt, ist nicht mal das. Denn wegen der Steuerprogression bezahlen Sie für Ihre 2 Prozent mehr Lohn nicht 2 Prozent mehr Steuern, sondern definitiv mehr – und das heißt, Sie haben inflationsbereinigt weniger Geld in der Tasche.

Kann man da nichts gegen machen?

Ja, so die kurze Antwort. Kann man. Es muss eben nur gewollt sein. Die Lösung lautet: Der Einkommensteuertarif müsste regelmäßig an die Inflationsrate angepasst werden. Das hat die Bundesregierung für dieses (und das nächste) Jahr endlich mal wieder hinbekommen, in den Jahren zuvor (2013-2015) wurde lediglich der Grundfreibetrag angehoben, der übrige Einkommensteuertarif blieb aber unangetastet.

Und obwohl heute alle Parteien nicht müde werden zu betonen, dass die kalte Progression dringend beseitigt werden müsse, existierte die kalte Progression in den letzten Jahren im Prinzip nicht. Wie bitte, möchte man zwischenrufen? Aber Ende 2014 hieß es aus dem Finanzministerium: 2013 habe die Belastung durch kalte Progression durchschnittlich nur 16 Euro betragen und für 2014 sollte es gar keine Belastung deswegen geben. Grund dafür sei damals die geringe Inflation gewesen, hieß es in der Süddeutschen Zeitung.

Was soll man davon halten?

Lassen wir uns das alles mal auf der Zunge zergehen. Wenn das alles stimmen sollte – und ganz unwahrscheinlich ist es nicht, da die Inflation in den letzten Jahren tatsächlich recht gering war – dann wird in der großen Politik über einen Kampfbegriff diskutiert, der aktuell eigentlich überhaupt keine Rolle spielen dürfte. Wir erinnern uns, 2017 und 2018 wird der Einkommensteuertarif ja schon angepasst an die Inflation, um die kalte Progression ins Leere laufen zu lassen. Und in den Jahren zuvor spielte die Kalte Progression auch kaum noch eine Rolle. Aber das mit den markigen Begriffen kennen wir ja schon vom Mittelstandsbauch, den es ja eigentlich in dieser Form auch nicht mehr gibt. Wenn die Politik etwas zum Thema kalte Progression machen sollte, dann wäre das eine automatische Anpassung der Inflationsrate an den Einkommensteuertarif. Dann wäre die kalte Progression endgültig Geschichte…

Björn Waide Geschrieben von:

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LETZTE BEITRÄGE

Bisherige Kommentare (Selber ein Kommentar hinterlassen)

  • Avatar Karl-Heinz Meyer sagt:

    Der Beitrag ist super, gefällt mir! Vielleicht hätte man noch einen Bezug zu den Staaten, die um die BRD herum liegen, herstellen können. Wenn ich bei uns immer höre: „Das geht nicht! Das kostet Arbeitsplätze und Geld!“ … ich denke nur an den Mindestlohn. Dann ist das in den uns umzingelnden Ländern nicht so? Denn die haben es eingeführt bzw. abgeschafft!!! Ich habe dann immer so den Eindruck, unsere „Wirtschaftsweisen/Politiker“ können oder wollen nicht über ihren Tellerrand hinausschauen und wissen vor allem immer vorher, was geht und nicht geht. Ohne es auszuprobieren.
    Wieso geht es in Frankreich, daß eine Familie mit 3 Kindern keine Einkommensteuer bezahlt? Also bei Ihren Erläuterungen sollten solche Beispiele nicht fehlen, nur, um zu sagen, es geht auch anders!!! Steuern sind kein Schicksal!

  • Avatar Heiko Hofmann sagt:

    Das Thema ist völlig über bewertet und dient lediglich immer wieder dazu den Fokus weg von dem eigentlichen Problem zu lenken. Das liegt auf der Seite der Einkommensentwicklung und nicht bei den Einkommenssteuern. In Deutschland stagnieren die Reallöhne seit vielen Jahren.

    Abgesehen davon ist der Beitrag ein wenig irreführend. Natürlich hat man nach einer Lohnerhöhung mehr Geld in der Tasche, auch wenn die Kaufkraft evtl. (!) leicht sinkt. Die Inflationsrate ist nur ein grober Maßstab, fällt aber in der Realität höchst individuell aus. Die Auswirkungen sind marginal, werden aber gerne zu enormer Größe aufgeblasen.

  • Björn Waide Björn Waide sagt:

    Vielen Dank für Ihren Kommentar. Natürlich führt eine Lohnerhöhung erst einmal zu einer absoluten Steigerung des Einkommens. Die Auswirkungen der Inflation sind allerdings real. Die Zentralbanken streben in der Regel sehr konkret eine Inflationsrate von 2% an. Über viele Jahre gerechnet (eine Art negativer Zinseszins-Effekt) hat das sehr spürbare Auswirkungen. Über 10 Jahre werden so aus 2.500 Euro Netto-Verdienst auf die Kaufkraft gerechnet nur knapp über 2.000 Euro oder ein Verlust von knapp 20%.
    Insbesondere wenn gleichzeitig auf das Ersparte nur Zinsen deutlich unter 2% erzielbar sind.

  • Avatar Achim Leon sagt:

    Stimmt das mit der kalten Progression überhaupt? Auch Sie drücken sich letztlich so aus als ob man trotz einer Gehaltserhöhung weniger Geld im Portemonnaie hätte als vorher.
    Dies ist schlicht falsch. Das Hinzukommende Einkommen wird ggf. höher besteuert. Mein Grenzsteuersatz erhöht sich und natürlich auch dadurch mein Durchschnitsssteuersatz. Es bleiben aber nominal immer mehr Euro übrig als vor der Gehaltserhöhung.
    Insofern ist unser Steuergesetz einwandfrei. Die politische Diskussion soll die Arbeitnehmer nur davon ablenken, dass die Gehaltserhöhungen an sich zu niedrig sind, damit man die Kapitalgewinne nicht so stark belastet.
    Schließlich wollen die armen Besitzenden mit ihren niedrigen Kapitalertragssteuersätzen (diese sind übrigens nicht progressiv) nicht soviel von Ihren Gewinnen abgeben. In die Rentenkasse wollen sie ja auch nicht einbezahlen, deshalb sprechen ja Politiker auch gerne lieber von dem demographischen Problem welches die Renten bedrohe. Beide Scheindiskussionen „kalte Progression“ und „demographische Entwicklung“, dienen nur der Ablenkung, damit wir nicht einen offenen Verteilungskampf führen.
    Schade, dass Sie hier auch darauf reinfallen und Öl an der falschen Stelle ins Feuer gießen. Es geht um gerechte Verteilung des Sozialprodukts nicht um Steuersystematik.

  • Björn Waide Björn Waide sagt:

    Vielen Dank auch für Ihren Kommentar, Herr Leon. Wir sprechen im Artikel davon, dass unter Umständen „inflationsbereinigt“ weniger Geld, also weniger Kaufkraft zur Verfügung steht. Genau das ist die Bedeutung der kalten Progression. Wir haben auch deutlich gemacht, dass das Thema wegen äußerst niedriger Inflationsraten in den letzten Jahren eigentlich gar keines war und politisch aufgebauscht wurde.
    In unserer Serie wollen wir Begriffe erklären, die aktuell und im zukünftigen Bundestagswahlkampf sicher verstärkt eine Rolle spielen dürften. Aufklärung über das, was hinter oft markigen Begriffen wirklich steckt, halten wir für essentiell in einer Zeit alternativer Fakten und emotional geführter Wahlkämpfe. Ihr Kommentar mit Hinweisen auf weitere wichtige Themen ist da sicher ebenfalls wertvoll.


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