09.08.2017 · smart steuern ·

Ist unser Steuersystem völlig veraltet?

Steuern sind unser Leben – zumindest hat man manchmal das Gefühl. Wir bekommen Lohn – und zahlen Lohnsteuer, wir haben ein Auto – und bezahlen Kfz-Steuer, wir kaufen eine Flasche Bier – und zahlen nicht nur Mehrwertsteuer, sondern natürlich auch Biersteuer. Wir wohnen in einer Mietwohnung – und zahlen über die Betriebskosten Grundsteuer. Die Reihung ließe sich noch lange fortsetzen. Doch ginge das nicht irgendwie einfacher? Ja, sagen zwei Ökonomen in einem Gastbeitrag bei Focus online: Sie sagen, dass unser Steuersystem ein Überbleibsel aus dem Mittelalter (!) ist – und plädieren dafür, alle Steuern abzuschaffen – außer eine…

Wo kommt das Steuersystem her?

Die beiden Wissenschaftler gehen tatsächlich ins Mittelalter zurück. Damals mussten die Bauern den „Zehnten“ an den Fürsten zahlen, das heißt den zehnten Teil ihrer Ernte. Man spricht deshalb auch von der Ertragsbesteuerung – so ähnlich läuft es tatsächlich zum Teil auch heute noch in unserem Steuersystem. Nur dass unser Ertrag meist unser Gehalt ist. Und wie damals nimmt der Staat die Steuer – und bezahlt davon staatliche Leistungen.
Weil
im Mittelalter die meisten Menschen Selbstversorger waren, spielte das Kaufen und Verkaufen von Waren eine eher geringe Rolle. Deshalb hätte eine Steuer auf den Verbrauch – etwa eine Umsatz- oder Mehrwertsteuer – keinen Sinn gemacht.

Die moderne Welt – mit alten Steuern

Heute sieht es aber ganz anders aus. Kaum jemand versorgt sich noch selbst. Wir sind es gewohnt, einzukaufen – im Supermarkt, im Internet, im Kaufhaus – und unsere Häuser bauen zu lassen. Andererseits schaffen wir selbst Dinge oder erbringen Dienstleistungen – für die wiederum andere bezahlen. Und hier setzen die beiden Wirtschaftswissenschaftler an. Sie sind der Meinung, dass es keinen Sinn macht, Steuern auf die Erbringung von Leistungen zu erheben (also etwa die Lohnsteuer). Stattdessen sollte nur noch der Konsum besteuert werden – also über die Mehrwertsteuer. Und das klingt ja erstmal logisch und irgendwie auch gerecht. Alle Steuern fallen weg, man zahlt nur noch Steuern, wenn man etwas kauft. Wer viel kauft beziehungsweise kaufen kann, zahlt entsprechend mehr Steuern.

Wie sieht es aktuell aus?

Wer unseren Blog verfolgt, erinnert sich vielleicht noch, dass es die Mehrwertsteuer, also eine Besteuerung des Konsums, noch gar nicht so lange gibt, genauer genommen seit knapp 50 Jahren. Das heißt, bis zu diesem Zeitpunkt gab es im Wesentlichen nur die Ertragsteuern. Heute bestehen die Staatseinnahmen zwar schon zu 28 Prozent aus Verbrauchssteuern, aber 31 Prozent stammen aus Einkommen und Gewinnen (den Erträgen), knapp 3 Prozent aus Eigentum. Die restlichen 38 Prozent stammen aus Sozialversicherungsbeiträgen.
Die Autoren sagen, dass das Steuersystem nicht nur viel zu kompliziert ist und für viel unnötige Arbeit sorgt, sondern auch, dass es für die Leute nicht mehr nachzuvollziehen ist. Warum an jedem Punkt der Wertschöpfungskette Steuern kassieren, wenn man als Staat doch auch einfach zum Schluss die Hand aufhalten kann? Das hieße, die Mehrwertsteuer entsprechend zu erhöhen – und alle anderen Steuern zu streichen. Da die Ertragsteuern und die Verbrauchsteuern ungefähr gleich hoch sind, würde das über den Daumen gepeilt eine Verdopplung der Mehrwertsteuer bedeuten.

Unsere Meinung: Die Idee ist natürlich erstmal gut – und würde nicht nur fast alle Finanzbeamten, sondern auch uns von smartsteuer arbeitslos machen. Denn wenn es nur noch die eine Steuer beim Kauf gibt, braucht es auch keine Steuererklärung mehr. Aber: Diese Steuerrevolution wird trotzdem nicht stattfinden. Das fängt damit an, dass es Deutschland nicht allein tun kann. Denn die Endverbraucherpreise würden deutlich teurer werden, viele Touristen würden deshalb einen großen Bogen um Deutschland machen. Und von der Abstimmung innerhalb der EU reden wir noch nicht mal. Zudem gibt es einfach zu viele, die von den aktuellen Regeln profitieren und allein deshalb gegen einen solchen drastischen Wandel der Steuerpolitik wären. Die Erfolgsaussichten sind von daher nahe Null. Auch wenn es eine schöne Idee ist, wird es wohl nur eine Idee bleiben.


Stefan Heine Geschrieben von:

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LETZTE BEITRÄGE

Bisherige Kommentare (Selber ein Kommentar hinterlassen)

  • Avatar Maximilian sagt:

    Und vor allem, und diesen Grund scheinen sowohl die Autoren als auch du völlig zu missachten, würden dadurch alle die gleichen Steuern zahlen und der Sozialstaat wäre dahin. Nicht umsonst fordern viele eine Senkung der Mehrwertssteuer, um Geringverdienern entgegenzukommen.

  • Stefan Heine Stefan Heine sagt:

    Unser Steuersystem ist sehr auf eine Einzelfallgerechtigkeit und sozialen Ausgleich ausgerichtet. Dies macht es aber auch so komplex. Gerade bei der Mehrwertsteuer ist es so kompliziert und an vielen Stellen unverständlich: Mieten und medizinische Leistungen sind umsatzsteuerfrei, Grundnahrungsmittel und Bücher werden ermäßigt besteuert, Konsumgüter mit dem Regelsatz von 19%. Der Regelsatz zählt europaweit übrigens schon jetzt zu den niedrigsten.

    Wichtig ist, dass Lösungen gesucht werden und vielfältige, auf den ersten Blick auch abwegige Ideen diskutiert werden. Das vorgestellte Modell wird nicht die alleinige Lösung sein. In Kombination mit einem bedingungslosen Grundeinkommen ist es aber eine Idee. Der Beitrag soll zur Diskussion anregen, ob ein „weiter wie bisher“ der richtige Weg ist.

  • Avatar Thomas Keller sagt:

    Diese „Steuervereinfacher“ gehen immer wieder rum und wollen nur das eine: die Steuern für die Besserverdienenden senken.
    Wer all sein Geld ausgibt, hat mit so einer Steuer mindestens 25% weniger netto, eher mehr, denn dann müsste es ja auch MWSt auf Miete geben, oder? Und müsste über noch höhere Mehrwertsteuern die Sozialkosten/Grundeinkommen getragen werden, die dadurch entstehen, dass dann ganz viele (auch ausreichend verdienende Familien) plötzlich ihren Lebensunterhalt nicht mehr finanzieren können.
    Der der viel verdient, hat kaum noch Steuern, nur auf das wenige, was er nicht in den Tiefen des internationalen Finanzmarkts „anlegt“ (und damit Unheil anrichtet).
    Die Verfechter eines solchen Steuersystems wollen die Teilung der Gesellschaft noch beschleunigen.

  • Avatar Frank Jacob sagt:

    Zu einem modernen Besteuerungssystem gehören natürlich auch die Ertragsteuern dazu. Sonst könnte das grundgesetzlich verankerte – und aus meiner Sicht richtige – Prinzip der Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit nicht durchgesetzt werden. Das haben ja auch meine Vorkommentatoren bereits gesagt.
    Außerdem ist die Umsatzsteuer zusammen mit der Lohnsteuer bereits jetzt die Haupteinnahmequelle des Fiskus. Alle anderen Steuerarten liegen weit dahinter.
    Nicht überein stimme ich mit meinen Vorrednern, dass der Umsatzsteuersatz von 19% zu niedrig ist.
    In den Ländern mit einem deutlich höheren Steuersatz wird ein Großteil der Sozialversicherung aus diesen Steuermitteln bestritten. In Deutschland haben wir dagegen ein Beitrags-/Umlagesystem.
    Es darf nicht nur auf den Steuersatz geschielt werden, sondern die Gesamtabgabenquote muss betrachtet werden. Und da ist Deutschland Spitze!

  • Avatar Frank Fiedler sagt:

    Danke für diesen super Artikel, Stefan. Der Unterschied zwischen diesen beiden Steuerarten und ihre geschichtliche Herkunft war mir selbst trotz jahrelanger Beschäftigung mit dem Thema nicht klar.
    Vielleicht sollte man sowas tatsächlich in der Schule unterrichten. Dann können künftige Generationen mit mehr Wissen in die Diskussion einsteigen.

  • Avatar Bienenstich sagt:

    Es sind eben Wissenschaftler, die einen Fakt, der sich logisch und vorteilhaft anhört, zu einer Theorie entwickeln. Solche Theorien entstehen im Elfenbeinturm und haben in der Praxis keine Chance. Ein wenig dialektisches Denken würde diesen Wissenschaftlern gut zu Gesicht stehen. Auch die Kommentare vor mir haben nur ausgewählte Aspekte zum Inhalt. Das Problem ist aber, Vereinfachungen in der Steuerpraxis mit allen gesellschaftlichen Verflechtungen abzustimmen, um Verwerfungen zu vermeiden. Kann das jemand je leisten?


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