26.10.2018 · smart steuern ·

Det is Berlin: Flaschensammler mit Gewerbeschein

Diese Geschichte ist so wirklich passiert. Auch wenn sie wie ein schlechter Scherz klingt. Immerhin hat sie etwas von einem Märchen: Denn sie geht dann doch noch gut aus. Worum ging es also? Getränke Lehmann, eine Berliner Kette (Slogan: „Ick koof bei Lehmann!“) hatte offenbar ein Problem. Zumindest ein Geschäftsführer – und zumindest mit den Pfandflaschen. Vielleicht ja sogar mit den Flaschensammlern. Doch lesen Sie selbst.

Der Fall der Flaschensammler

Wir Deutschen sind Weltmeister im Pfandsammeln. Das unter der rot-grünen Regierung eingeführte Dosenpfand sei als Beispiel genannt. Dann gibt es noch die Einweg- und die Mehrwegflaschen. Selbst Joghurt gibt es auch in Pfandgläsern. Und bestimmt haben Sie es auch schon mal erlebt, dass an der Abgabestelle oder dem Abgabeautomaten genau vor Ihnen jemand mit drei großen Tüten voll Leergut steht. Da ärgert man sich kurz, aber davon geht die Welt nun auch nicht unter.
Der Begriff Flaschensammler ist zurzeit in aller Munde, da sich nicht wenige damit ein kleines Zubrot verdienen. Wir wollen hier aber ausdrücklich nicht das Fass aufmachen, dass auch Rentner Flaschen sammeln müssen, um über die Runden zu kommen.
Fakt ist, dass das der Geschäftsführung von Getränke Lehmann offenbar alles egal war. In einer „Hausinfo“ erhielten die Mitarbeiter klare Anweisungen, was mit Flaschensammlern zu tun sei. Die Berliner Tageszeitung „Tagesspiegel“ zitiert aus dem Schreiben: „Sogenannte ‚Flaschensammler‘ müssten wie alle Wiederverkäufer Angabe über Adresse, USt-IdNr. etc. machen.“ USt-IdNr ist übrigens die Umsatzsteuer-Identifikationsnummer.
Das Flaschensammeln, heißt es in dem Schreiben weiter, sei dann ein Gewerbe, wenn es eine selbstständige, auf Dauer angelegte Tätigkeit ist, die zum Zwecke der Gewinnerzielung verfolgt wird und nicht geringfügig ist. Die Flaschensammler sollen höflich gefragt werden. Wenn sie keine Auskunft geben würden, gäbe es kein Geld mehr.

Große Entrüstung – aber ist das wirklich ein Gewerbe?

Natürlich gab es – zurecht – von vielen Seiten Proteste. Unmenschlich sei das, eine Frechheit und mehr waren zu hören und zu lesen. Doch dieses Schreiben hat auch schwerwiegende logische Probleme.
Ab wann ist man genau ein Flaschensammler? Und wer ist überhaupt ein Flaschensammler? Wenn man selbst die 30 Flaschen der letzten Wochen abgibt? Oder ist es die äußere Erscheinung? Angeblich soll sogar ein Flaschensammler abgewiesen worden sein mit 15 Flaschen!
Und die nächste Frage: Ist das wirklich eine gewerbliche Tätigkeit, die sogar eine Steuernummer erfordert? Natürlich nicht, die Einnahmen liegen unter der Bagatellgrenze und sind ein Nebenverdienst. Es reicht nicht mal für eine Kleinunternehmerregelung, für die es ohnehin auch keine Umsatzsteuernummer brauchen würde.
Seien wir ehrlich, die ganze Nummer ist eine einzige Schikane. Und sollte Leute, die oft nicht mal einen festen Wohnsitz haben, geschweige denn eine Steuernummer oder einen Gewerbeschein, einfach nur abschrecken. 

Ende gut – alles gut?

Wir haben ein märchenhaftes Ende versprochen, hier ist es: Horst Lehmann, der Inhaber von Getränke Lehmann, distanzierte sich vom Schreiben der Geschäftsführung, der zuständige Geschäftsführer wurde mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Auch würden weiterhin alle Pfandflaschen angenommen, so der Inhaber. Es tue ihm leid, dass es zu diesem Missverständnis gekommen ist.

An die Schilder „Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen“, die auch in Supermärkten zu sehen sind, müssen wir uns aber gewöhnen. Die Absicht dahinter ist aber nicht so weit weg von der Lehmann-Nummer. Leider.

Juliane Bunte Geschrieben von:
8 Kommentare

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,



Bisherige Kommentare (Selber ein Kommentar hinterlassen)

  • Stefan Weikl sagt:

    Es ist doch wohl im Sinn der Pfandvorschrift, wenn möglichst alle Pfandflaschen
    wieder in den Kreislauf kommen. Jene Flaschen, welche die „Flaschensammler“
    sammeln, sind ja wohl von Mitbürgern, denen die Rückgabe offensichtlich ein
    zu großer Aufwand ist, einfach anderweitig entsorgt worden. Wir sollten also
    diesen (in der Regel armen Menschen) dankbar sein, dass sie sich die Mühe machen, diese Flaschen zu sammeln.

  • Bienenstich sagt:

    Dieser Geschäftsführer – und die Supermärkte mit der „Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen“ nicht weniger – haben das kapitalistische Prinzip bewusst oder unbewusst verinnerlicht, den Gewinn unter allen Umständen zu maximieren! Denn beim Kauf vereinnahmtes Pfand, das man nicht zurück zahlen muss, erhöht die Einnahmen ohne Kostenaufwand, also mehr Gewinn.

  • Berta Griese sagt:

    Dieser Unterdrückerstaat und unser Finanzminister sind zu dumm, um die Cum-ex-Geschäfte der Finanzbetrüger zu beenden, aber arme Flaschensammler abzocken. Das Klingt nach Revolution und Aufhängen der Verantwortlichen.

  • Stefan Heine Stefan Heine sagt:

    Guten Tag,
    weder der Staat noch das Finanzministerium haben mit dem Sachverhalt etwas zu tun.

  • Volker sagt:

    Ist es nicht schlimm genug, das Menschen, und hier reden wir von Menschen die dieses Land mit aufgebaut haben, das diese Menschen Flaschen sammeln müssen. Und ich mache dieses Fass auf, weil Sie sammeln um Ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Jeder sollte mal mit offenen Augen durch unser auch so reiches Land gehen. Ihr werdet sehr oft ältere Menschen sehen die Flaschen sammeln. Glaubt hier jemand, dass Sie das machen weil sie Spass daran haben. Und noch eine Frage. Beantwortet sie jeder für sich selbst. Habt Ihr schon mal einen Flüchtling gesehen der Flaschen sammelt. Und jetzt dürft Ihr Euch noch fragen, warum wohl.

  • Ralf Zrenner sagt:

    Die Angabe „Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen“ ist in etwa so aussagekräftig wie — nix –, denn wenn ich als SIngle-Haushalt z.B. bei Lidl 10 x 6er Pack Mineralwasser auf Vorrat kaufe und dann alle Flaschen sammel und auf einmal zurückgebe ist das ebenso wie bei einem Mehrpersonen-Haushalt, der z.B. 5 Kästen Bier, 5 Kästen Limo/Wasser etc. kauft und dann auf einmal zurückbringt, eine haushaltsübliche Menge. Ich lass mir doch nicht vorschreiben, wann ich meine Flaschen in welcher Anzahl zurückbringe. Aber da ich meine Belege sowieso alle für 2 Jahre aufbewahre, lasse ich es gern mal darauf ankommen, bis so ein Supermarkt mir eine Ansage macht, es wären zuviele Flaschen, die ich zurückbringe – dann hau ich denen die Belege um die Ohren, wieviele Flaschen ich dort gekauft habe und dass ich diese nun eben alle auf einmal zurückbringe.
    Außerdem bezweifel ich, dass in der Verordnung über die Pfandflaschen(rücknahme) eine Passage enthalten ist, die es den zur Rücknahme verpflichteten Stellen erlaubt, eine Begrenzung der Rücknahmemenge festzulegen.

  • Gerda Jansen sagt:

    Sehr geehrter Volker,
    vielleicht wollen die Flüchtlinge den armen alten deutschen Menschen nichts wegnehmen.
    Ich bin immer wieder überrascht, wie einige Menschen bei wirklich jedem Thema den Bogen zu den Flüchtlingen spannen. Ich bin mal gespannt, wann die die Schuld kriegen für den heißen und trockenen Sommer in diesem Jahr.

  • Tom Buske sagt:

    Ich muss so grinsen, es scheint als haben Selbstständige, die mit Pfand/Leergut zu tun haben, das „kapitalistische“ System nicht verstanden…
    Verkaufe ich bepfandete Flaschen, z. B. mit zzgl. 25 ct Pfand, (vorher als Händler eingekauft mit 25 ct plus Vorsteuer = 30 ct) muss ich als Gewerbetreibender davon die MWSt. in Höhe von 19% abführen, habe also tatsächlich nur 25 ct minus 19% = 21 ct erhalten (Einnahme). = Minusgeschäft ( 5 ct brutto/ 4 ct netto).
    Nehme ich nun Leergut zurück in Höhe von 25 ct, habe ich inkl. 19% Vorsteuer eingekauft, also mit 21 ct netto eingekauft. Der Händler lässt sich nun beim Großhändler/Lieferanten sein Leergut bei der Rückgabe wieder mit 25 ct netto zzgl. MWSt. gutschreiben, also macht er in diesem Fall einen Ertrag.
    FAKT: Nehme ich als Händler mehr Leergut zurück als ich verkauft hatte, mache ich einen Gewinn! :-))))
    Ich freue mich über jedes Leergut, das zu mir zurückkommt!!!


Kommentar schreiben (* Pflichtfelder)