Steuertipps – Erstmalige Berufsausbildung/Erststudium

In der Frage, ob die Kosten für ein Erststudium und eine erstmalige Berufsausbildung steuerlich abzugsfähig sind, vertreten Bundesfinanzhof und Steuergesetzgeber derzeit unterschiedliche Meinungen.

a) Standpunkt des Bundesfinanzhofs

Der Bundesfinanzhof lässt mittlerweile alle Studien- und Ausbildungskosten zum Werbungskostenabzug zu, die einen konkreten Zusammenhang zur späteren Berufstätigkeit aufweisen. Also sind danach nahezu alle Studien- und Ausbildungskosten steuerlich abziehbar (Ausnahme vermutlich: Studium im Alter). In zwei Urteilen vom 28.7.2011 (Az. VI R 7/10, VI R 38/10) haben die Richter einen solchen Zusammenhang bei einer Pilotenausbildung und einem Medizinstudium anerkannt.

b) Standpunkt des Gesetzgebers

Der Gesetzgeber hingegen hat ein Abzugsverbot für die Kosten eines Erststudiums und einer erstmaligen Berufsausbildung im Einkommensteuergesetz verankert. Mit dem Beitreibungsrichtlinie-Umsetzungsgesetz (BeitrRLUmsG) hat er zudem den Versuch unternommen, das Abzugsverbot nochmals klarzustellen. Rückwirkend ab 2004 hat er noch deutlicher bestimmt, dass Aufwendungen des Steuerpflichtigen für seine erstmalige Berufsausbildung oder für ein Erststudium keine Werbungskosten sind.

Als kleines Zugeständnis an die Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs hat der Gesetzgeber aber ab dem Veranlagungszeitraum 2012 den Sonderausgabenabzug für die Kosten des Erststudiums bzw. die Erstausbildung von 4.000 € auf 6.000 € pro Jahr erhöht.

Tipp: Der Abzug als Werbungskosten ist allerdings weitaus vorteilhafter als der Sonderausgabenabzug, weil Werbungskosten per Verlustfeststellung in spätere Jahre vorgetragen werden können. So wirken sie sich in den ersten Jahren der Berufstätigkeit steuermindernd aus, in denen Einkünfte erzielt werden. Sonderausgaben sind hingegen nicht vor- oder rücktragsfähig. Sie „verpuffen“ daher ohne steuerliche Wirkung, wenn nicht im Jahr ihrer Entstehung auch Einkünfte (zur Verrechnung) vorhanden sind.

c) Zweitausbildung/ Zweitstudium ist voll abziehbar

Das Abzugsverbot für Kosten eines Erststudiums und einer Erstausbildung kann umgangen werden, wenn der Bildungsmaßnahme eine andere Ausbildung bzw. ein anderer Studiengang vorausgegangen ist. In diesem Fall ist das nachfolgende Studium bzw. die nachfolgende Ausbildung als Zweitausbildung zu werten, deren Kosten steuerlich auch vom Gesetzgeber und der Finanzverwaltung voll als Werbungskosten anerkannt werden.

Der Bundesfinanzhof hat diese „Hintertür“ in seinem Urteil vom 27.10.2011 (Az. VI R 52) genutzt:

Im Streitfall hatte der Kläger nach dem Abitur von September 2003 bis Juni 2004 den Zivildienst beim Deutschen Roten Kreuz als Rettungssanitäter abgeleistet. Vorher hatte er die entsprechende Ausbildung zum Rettungssanitäter erfolgreich absolviert. Anfang 2005 begann er dann eine Ausbildung zum Verkehrsflugzeugführer. Der Kläger hatte 2005 keine Einkünfte erzielt. Daher beantragte er, seine Ausbildungskosten von 31.433 € als vorweggenommene Werbungskosten bei seinen Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit und einen verbleibenden Verlustabzug zur Einkommensteuer in dieser Höhe zu berücksichtigen. Das Finanzamt berücksichtigte die Kosten aber nur als Sonderausgaben in Höhe von 4.000 € und lehnte die gesonderte Feststellung eines verbleibenden Verlustabzugs ab, da es sich nach seiner Auffassung um ein Erststudium handelte.

Die Richter kommen zu dem Ergebnis, dass die vom Kläger geleisteten Aufwendungen dem Grunde nach vorweggenommene Werbungskosten sind. Denn die vorangegangene Sanitäterausbildung ist bereits als erstmalige Berufsausbildung anzuerkennen, sodass die nachfolgende Pilotenausbildung als Zweitausbildung steuerlich abzugsfähig ist. Eine Erstausbildung muss nicht zwingend im Rahmen einer innerbetrieblichen Berufsbildungsmaßnahme oder eines dualen Systems absolviert werden. Denn es besteht ein hinreichend konkreter Veranlassungszusammenhang zwischen diesen Aufwendungen und der nachfolgenden Berufstätigkeit des Klägers als Pilot sowie den daraus erzielten Einkünften.

Fazit: Abzuwarten bleibt, ob der Bundesfinanzhof die verschärfte Rechtslage, die der Gesetzgeber durch das Beitreibungsrichtlinien-Umsetzungsgesetz geschaffen hat, anerkennt. Möglicherweise werden die Richter auch dieser Neuregelung „die Zähne ziehen“ und sich weiterhin für eine steuerliche Berücksichtigung von Erststudium und Erstausbildung aussprechen. Das Finanzgericht Münster hat in einem entsprechenden Verfahren (Urteil vom 20.12.2011, Az. 5 K 3975/09 F) die Revision zum Bundesfinanzhof zugelassen. Das Revisionsverfahren ist dort unter dem Az. VI R 8/12 anhängig. Darauf können sich Steuerzahler in vergleichbaren Fällen mit einem Einspruch berufen und das Ruhen des Verfahrens bis zur Klärung dieser Streitfrage beantragen.

Fundstelle: § 4 Abs. 9, § 9 Abs. 6; § 10 Abs. 1 Nr. 7 Satz 1, § 52 Abs. 24a Satz 3, § 12 Nr. 5 EStG, Beitreibungsrichtlinie-Umsetzungsgesetz, BGBl 2011 I S. 2592