27.07.2015 · smart steuern ·

Progressionsvorbehalt – was steckt hinter diesem bizarren Wortungetüm? (Serie, Teil 25)

Erwischt!, rief meine Freundin Laura triumphierend. Dabei konnte ich ihr nur nicht – wie aus der Pistole geschossen – erklären, wer oder was der Progressionsvorbehalt ist. Und ja, ich hatte den Begriff schon in Teil 10 der Serie verwendet – und nicht geschrieben, was er genau bedeutet. Also gibt es heute für alle die ausführliche Antwort auf die Frage in der Überschrift.

Progressionsvorbehalt – da fällt schon die Definition schwer

Ich könnte es mir einfach machen und Ihnen einfach Wikipedia um die Ohren hauen. Mache ich aber nicht, denn Sie sind es gewohnt, hier verständliche Erklärungen zu bekommen. Wenn Sie es sich trotzdem antun möchten: hier der Link.

Ich versuche es stattdessen mit meinen Worten. Es geht um die drei Begriffe Steuersatz, Progression und schließlich Progressionsvorbehalt.

  1. Steuersatz: Anteil der Steuern am Einkommen.
  2. Progression (oder Steuerprogression): Das Ansteigen des Steuersatzes bei steigendem Einkommen.
  3. Progressionsvorbehalt: Eine Regelung für verschiedene Einkünfte, die eigentlich steuerfrei sind, aber zu einer Erhöhung des Steuersatzes und somit einer höheren Steuerlast führen können.

Warum das so ist und wie es funktioniert, erfahren Sie gleich. Doch bevor ich das tue, sollten Sie erstmal wissen, um welche eigentlich steuerfreien Einkünfte es sich dreht. Nun, das steht im Einkommensteuergesetz im §32b. Müssen Sie jetzt auch nicht nachlesen, die wichtigsten Einkunftsarten, die dem Progressionsvorbehalt unterliegen, sind:

  • Arbeitslosengeld,
  • Kurzarbeitergeld,
  • Insolvenzgeld,
  • Krankengeld,
  • Mutterschaftsgeld und
  • Elterngeld.

Ziemlich viel Geld, wenn Sie mich fragen.

Warum nun der Progressionsvorbehalt, wie wird gerechnet?

Man mag es kaum glauben, aber auch bei den Steuern geht es um Gerechtigkeit, oder genauer um das Prinzip der leistungsgerechten Besteuerung. Ganz klar: Wer steuerfreie Einnahmen hat, hat dadurch auch prinzipiell mehr Einnahmen. Das heißt, er hat mehr Geld zur Verfügung und ist dadurch (auch steuerlich) leistungsfähiger. Und das sollte sich auch bei der Besteuerung niederschlagen, deshalb der Progressionsvorbehalt.

So funktioniert die Rechnung prinzipiell, wieder in drei Schritten:

  1. Addition von steuerpflichtigem und steuerfreiem Einkommen = Gesamteinkommen.
  2. Ermittlung des Steuersatzes des Gesamteinkommens = Durchschnittssteuersatz
  3. Besteuerung des steuerpflichtige Einkommens – mit dem eben ermittelten Durchschnittssteuersatz.

Was fällt auf: Wegen der Progression ist dieser Durchschnittssteuersatz höher als der Steuersatz für das „pure“ steuerpflichtige Einkommen. Und: Mit diesem Dreh wird auch tatsächlich das steuerfreie Einkommen nicht versteuert. Es sorgt nur dafür, dass das steuerpflichtige Einkommen höher besteuert wird.

Ein Beispiel: Ein Angestellter hatte im Jahr 2014 ein steuerpflichtiges Einkommen von 15.000 Euro. Weil er in der zweiten Jahreshälfte arbeitslos war, erhielt er steuerfrei 10.000 Euro Arbeitslosengeld (ALG).

  1. Gesamteinkommen 15.000 + 10.000 = 25.000 Euro
  2. Steuersatz auf 25.000 Euro = 16,156 Prozent
  3. Besteuerung von 15.000 Euro mit Steuersatz von 16,156 Prozent = 2.423 Euro. Der Angestellte müsste also 2.423 Euro Steuern zahlen.

Zum Vergleich: Hätte er nur die 15.000 Euro, wäre der Steuersatz nur noch 8,9533 Prozent, seine Steuerlast wäre nur 1.343 Euro. Wenn er jedoch auch das Arbeitslosengeld komplett versteuern müsste, wäre seine Steuer die 16,156 Prozent von 25.000 Euro, also stolze 4.039 Euro! (Berechnet mit dem Rechner des Bayerischen Landesamts für Steuern)

Sie sehen: Würde das ALG steuerlich überhaupt keine Rolle spielen, wäre der Steuerbetrag am geringsten (1.343 Euro). Unter Progressionsvorbehalt (die Realität) sind es schon 2.423 Euro. Aber: Alles kein Vergleich zu dem (hypothetischen) Fall, dass das ALG voll versteuern werden müsste: 4.039 Euro.

Zusammenfassung: Steuerfreie Einkünfte, die dem Progressionsvorbehalt unterliegen, erhöhen den Durchschnittssteuersatz und sorgen damit für eine höhere Steuerlast.

 

Zum vorherigen Teil der Serie:
Ich war jung und brauchte das Geld – alles über Schüler-Ferienjobs (Serie, Teil 24)


Theresa Voigt Geschrieben von:

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