23.07.2021 · smart steuern ·

Abschaffung des Ehegattensplittings – pro und contra

Fast genau vor 63 Jahren (am 18. Juli 1958) wurde das Ehegattensplitting in Deutschland eingeführt. Kritik daran gab es gefühlt immer. „Das hält die Ehefrau am Herd fest“, ist wohl der am häufigsten genannte Grund. Zuletzt gab es aber mehr Gegenwind. So streben SPD, Grüne, Linke und auch die AfD in ihren Wahlprogrammen zumindest eine Reform an. Doch was würde das bringen? Was wären die Alternativen oder Varianten? All das erklären wir Ihnen – und zuerst natürlich auch, was das Splitting überhaupt bringt.

So funktioniert das Ehegattensplitting

Verheiratete oder Paare in einer anerkannten Lebenspartnerschaft können bei der Steuer die Zusammenveranlagung wählen. Das Paar ist demnach eine wirtschaftliche Einheit mit gemeinsamer Versteuerung. Und zwar so:

  • Zuerst werden die zu versteuernden Einkommen des Paares addiert, die Summe dann durch zwei geteilt (halbiert, gesplittet).
  • Für diese Hälfte die Einkommensteuer berechnet.
  • Diese Steuer danach verdoppelt – und schon ergibt sich die Einkommensteuer für das Paar.

Erst halbieren – und dann verdoppeln. Da ändert sich doch nichts, sagen Sie jetzt vielleicht. Aber: Wir haben eine Steuerprogression. Mit steigendem Einkommen steigt meist auch der Steuersatz.
Die Folge: Wenn ein Paar zusammen 60.000 € zu versteuern hat, und eine Person alles verdient (und die andere nichts) beträgt die Steuerersparnis knapp 6.000 € – im Vergleich zur Einzelveranlagung bei der Steuer. Oder andersherum: Wäre das Paar nicht verheiratet, müsste es insgesamt rund 6.000 € mehr zahlen. (Und sollte sich ernsthaft überlegen, wegen des Geldes zu heiraten.) 

Dabei gilt die Faustregel: Je größer der Einkommensunterschied ist, desto größer die Steuerersparnis.

Was wäre wenn?

Wissenschaftler des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) haben sich in einer Studie genau diese Frage gestellt: Was wäre, wenn statt des Ehegattensplittings wieder individuell besteuert werden würde? 

Die überraschende Antwort: Es könnten mehr als eine halbe Million neue Jobs entstehen! Aber natürlich sehen die Experten auch die Kehrseite der Medaille. Denn gerade Paare mit sehr unterschiedlichem Einkommen müssten mit sinkendem verfügbarem Einkommen rechnen, was bei Paaren, die insgesamt eh nicht viel verdienen, schon an die Existenz gehen könnte. 

Zudem lässt die Untersuchung der Wissenschaftler eins außer acht: Rechtlich ist die Abschaffung des Splittings von einem Tag auf den anderen kaum vorstellbar. In den Programmen der Parteien ist dann auch in der Regel von einer Reform die Rede. Bei der SPD etwa, dass schon bestehende Ehen unangetastet bleiben. 

Welche Möglichkeiten gibt es für eine Reform?

Wenn wir mal von der eben erwähnten Individualbesteuerung absehen, die juristisch nicht gehen dürfte und der Idee eines Familiensplittings (Schwerpunkt Kinder) der AfD, bleiben noch zwei Vorschläge:

  • ​​Individualbesteuerung mit übertragbarem Grundfreibetrag: Wenn nur eine Person Geld verdient, wird von ihrem Einkommen der Grundfreibetrag (aktuell 9.744 €) abgezogen. Es wären aber dadurch definitiv mehr Steuern zu zahlen als zuvor mit Ehegattensplitting. Aber immer noch weniger als bei einer reinen Individualbesteuerung. Wenn aber der Partner oder die Partnerin selbst Geld verdient und über den Grundfreibetrag kommt, entfällt der Abzug des Grundfreibetrags. So ungefähr stellen sich das Grüne und Die Linke vor.
  • Realsplitting mit übertragbarem Grundfreibetrag: Etwas anders ist es hier. Maximal wird der Grundfreibetrag von der Person mit dem höheren Einkommen auf die schlechter verdienende Person übertragen. So hat es die SPD im Programm stehen, dürfte auch in vielen Fällen zu einer Verschlechterung führen. Allerdings schreibt die SPD auch, dass das nur für neu geschlossene Ehen gelten solle – und bei den bestehenden Ehen besteht.

Was würde das bringen?

Aber würde das dazu führen, dass die wenig oder gar nichts verdienende Person jetzt anfangen würde zu arbeiten? In einem Artikel des Informationsdienstes des Instituts der deutschen Wirtschaft heißt es: „Eine Einschränkung des bestehenden Splittings würde die Arbeitsanreize für Zweitverdiener jedoch nur leicht erhöhen.“ Also kurz gesagt: So lassen sich kaum mehr – vor allem – Frauen in Arbeit oder eine Arbeit mit höherem Verdienst bringen. Mehr Steuern wären aber oft zu zahlen. Es sei denn, es gäbe irgendeine Form der Kompensation. 

Was bedeutet das konkret für mich?
Wer schon verheiratet ist, wird wohl aller Wahrscheinlichkeit nach auch weiterhin auf die steuerlichen Vorzüge des Ehegattensplittings vertrauen können. Denn juristisch dürfte es sehr schwer werden, das einfach abzuändern (weshalb die SPD ja auch nur von neuen Ehen spricht). Falls es zu einer rot-rot-grünen Regierung kommen sollte (ist gerade aber nicht sehr wahrscheinlich), dann dürfte aber eine Reform des Ehegattensplittings kommen. Wenn die CDU/CSU am Ruder bleibt, wird alles so bleiben wie bisher. Und wenn auch noch die FDP dabei ist, dann erst recht. 

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LETZTE BEITRÄGE

Bisherige Kommentare (Selber ein Kommentar hinterlassen)

  • Avatar Michael Brackmann sagt:

    Die „angebliche“ Besserstellung der Frau (bzw. besser: des geringer verdienenden Ehepartners) soll also tatsächlich dadurch erreicht werden, dass im Ergebnis dieser Person weniger Steuern abverlangt werden, dafür jedoch dem besserverdienenden Partner zum Teil erheblich mehr belastet wird? (siehe Programm der Grünen)
    Das kann sich auch nur jemand ausdenken, der den Splittingtarif und die Steuerklassen nicht richtig verstanden hat!
    Wäre es da nicht viel besser, einfach mal eine „Aufklärungskampagne“ zu starten?
    Wenn die Lebenspartnerschaften z. B. über die echte Wirkung der Steuerklassen (nur Vorauszahlung!) und das Faktorverfahren aufgeklärt würden, würde man vielleicht verstehen, dass das Splitting monetär nur Vorteile bringen kann und es ja auch immer noch die freiwillige Einzelveranlagung gibt!
    Grüne und SDP sollten da dringend nochmal nachbessern!
    (Glaube auch kaum, dass eine Abschaffung des Splittings nur für neue Ehen gerecht wäre und verfassungsrechtlich haltbar?)

  • Avatar Peter Enders sagt:

    Erstaunlich, dass die Katholische Kirche ganze 10 Jahre gebraucht hat, um ihr Verständnis der Rolle der Frauen in der Gesellschaft auf diesem Gebiet durchzusetzen.
    NB: Die erste Straßenbahnfahrerin gab es (ungefähr) in Ostdeutschland 1953 – in Westdeutschland 1974. Je jünger die Journalistinnen im DLF (und in geringerem Maße im Inforadio RBB) sind, desto öfter identifizieren sie die Zustände in Westdeutschland mit denen in ganz Deutschland. Das ist ganz gewiss nicht im Sinne der deutschen Einheit.

  • Avatar Seibelt Viola sagt:

    Wenn man über die Abschaffung des Ehegattensplitting nachdenkt, sollt zuvor über die Abschaffung der Mehrwertsteuer nachgedacht werden. Ist mit Einrichten der Mehrwertsteuer nicht auch das Ehegattensplitting eingerichtet worden? Sozusagen als eine Art Ausgleich? Davon mal abgesehen, wieviel will der deutsche Staat von seinen Bürgern noch haben? Zu den staatlichen Abgaben kommen noch sehr hohe Lebenshaltungskosten!!! Viola Seibelt

  • Avatar Erna sagt:

    Oh mein Gott,

    was für ein famoses Thema!

    Gerade mal 43 % aller steuerplichtigen Ehepaare kommen in den Genuss einer 20 MILLIARDEN STEUERSUBVENTION für die Eheschließung!

    57 % aller steuerplichtigen Ehepaare gehen bei diesem Steuer-Spiel teilweise oder ganz LEER AUS!!!

    Steuerpflichtige Ehepaare im unteren Einkommensegment sind heute bei diesem Spiel SO ARM (!), dass sich viele noch nicht mal mehr ein 2. Kind leisten können. DANKE AUCH!

    Was für ein WAHNSINNS-Deutschland!

  • Avatar DRy sagt:

    Dieser Artikel ist irreführend!
    Es wird nicht hinreichend und ausreichend erklärt, was das Ehegattensplitting bewirkt.
    Es wird auch nicht hinreichend und ausreichend erklärt, welche Alternativen es gibt.

    Es wird vor allem aber nicht hinreichend und ausreichend erklärt, dass das BVerfG befand, dass der Gesetzgeber „Regelungen vermeiden [muss], die geeignet sind, in die freie Entscheidung der Ehegatten über ihre Aufgabenverteilung in der Ehe einzugreifen“

    Ebenso wird unterschlagen, dass das BVerfG 1957 urteilte: „Zur Gleichberechtigung der Frau gehört, dass sie die Möglichkeit hat, mit gleichen rechtlichen Chancen marktwirtschaftliches Einkommen zu erzielen wie jeder männliche Staatsbürger.“ (BVerfGE 6, 55 ff)

    Die damalige Verfassungsrichterin Erna Scheffler nannte das Splitting später sogar grundgesetzwidrig.

  • Avatar Ina sagt:

    „Da ändert sich doch nichts, sagen Sie jetzt vielleicht. Aber: Wir haben eine Steuerprogression. Mit steigendem Einkommen steigt meist auch der Steuersatz.
    Die Folge: Wenn ein Paar zusammen 60.000 € zu versteuern hat, und eine Person alles verdient (und die andere nichts) beträgt die Steuerersparnis knapp 6.000 € – im Vergleich zur Einzelveranlagung bei der Steuer. Oder andersherum: Wäre das Paar nicht verheiratet, müsste es insgesamt rund 6.000 € mehr zahlen. (Und sollte sich ernsthaft überlegen, wegen des Geldes zu heiraten.) “

    mhmmmm … schon klar.
    Wenn beide 30.000 € verdienen, hat das Paar zusammen auch 60.000 € zu versteuern.
    Blöd nur, dass dann die die Steuerersparnis fast NULL € ist – im Vergleich zur Einzelveranlagung bei der Steuer. Oder andersherum: Das Paar wird so versteuert als wenn es gar nicht verheiratet wäre, nämlich so wie bei der Einzelveranlagung

  • Avatar Susanne sagt:

    „Die Begünstigungen durch das Ehegattensplitting sind nicht gerechtfertigt. Die Besteuerung der Ehe muss sich daran messen lassen, ob sie entsprechend der Ausrichtung der Grundrechte jedem einzelnen Individuum gerecht wird. Es reicht nicht, dass die Ehe als Gesamtheit angemessen besteuert wird. Soweit der Gesetzgeber Förderzwecke verfolgt, bestehen ebenfalls verfassungsrechtliche Schranken: Eine einseitige Eheförderung im Steuerrecht ohne gleichzeitige Förderung der Familie lässt sich mit Art. 3 Abs. 1 GG nicht vereinbaren. Eine einseitige Förderung der Einverdienst-Ehe lässt sich außerdem mit Art. 3 Abs. 2 GG nicht vereinbaren.“

    Vgl. Franziska Vollmer, „Verfassungsrechtliche Fragen der Ehe- und Familienbesteuerung“ In: Althammer, Jörg; Klammer, Ute (Hrsg.): Ehe und Familie in der Steuerrechts- und Sozialordnung, ISBN 978-3-16-148614-2

  • Avatar Anselm sagt:

    Ich freu mich, dass es das Ehegattensplitting gibt.
    Nirgends auf der Welt werden Reiche jedes Jahr mit über 16.000 Euro vom Finanzamt beschenkt, das der Pöbel erwirtschaftet hat. :-)))))

  • Avatar E. S. sagt:

    Bei Abschaffung des EGS werden auch die Ehepaare benachteiligt, bei denen ein Partner steuerpflichtige Rente bezieht und der andere eine sehr niedrige Rente hat.
    Steuererhöhung also auch bei den Rentnern!
    Absolut unsozial!


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