01.12.2016 · smart leben ·

Von Befana bis Sinterklaas: Weihnachtsrituale in Europa

Hohoho! Die traditionellen Weihnachtsmärkte bringen den Wein wieder zum Glühen, Plätzchenduft weht durch Flure und die Deutschen holen allmählich die Deko aus dem Keller: Die Adventszeit ist offiziell eingeläutet und wir stellen uns auf unsere typischen Weihnachtsrituale ein. Da werden Kalender befüllt, zu Nikolaus die Schuhe poliert und rechtzeitig vor den Feierlichkeiten die Kugeln, Lichter und Figürchen an die Tanne gehängt, die bis dahin hoffentlich im Wohnzimmer steht. An Heiligabend folgt zwar jede Familie ihren eigenen kleinen Gesetzen, meist jedoch gibt es ein paar gesungene Weihnachtslieder, bei vielen den obligatorischen Gang in die Kirche, ein ausgedehntes Festmahl – Kartoffelsalat mit Würstchen, Reh, Raclette oder Fisch? – und selbstredend die Bescherung. Die Geschenke bringt hierzulande natürlich der Weihnachtsmann, der in Familien mit kleineren Kindern sogar häufig leibhaftig in Erscheinung tritt, die kleinen und großen Anwesenden Gedichte aufsagen lässt und allen Verweigerern und Unartigen statt tollem Spielzeug bloß eine olle Rute übergibt.

Die vielen Gesichter der Weihnacht

Doch was für uns alle Jahre wieder völlig selbstverständlich ist, hat in unseren Nachbarländern teils wenig mit einem traditionellen Weihnachtsfest zu tun. Je nach religiöser Prägung und kultureller Überlieferung feiert man die Geburt des Jesuskindes nämlich rund um den Globus und sogar in Europa überall ein wenig bzw. vollkommen anders. Viel Spaß also mit Väterchen Frost, Plumpudding und Co.: Hier kommen die spannendsten Weihnachtsrituale des Kontinents!

Westeuropa*

Österreich: Südlich von Bayern feiert man eigentlich gar nicht so viel anders als in Deutschland. Doch zwei Besonderheiten gibt es. Zum einen liefert das – selbst in Norddeutschland unverzichtbare – österreichische Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ den Startschuss für die Bescherung. Zum anderen hat die Weihnachtszeit anders als bei uns ein ganz offizielles Ende: Am 6. Januar laufen die Sternsinger durch die Straßen und sammeln an jeder Tür Spenden für gemeinnützige Zwecke.

Niederlande: In Holland und Teilen Belgiens stehen zu Weihnachten nicht Fußball und Fritten, sondern „Sinterklaas“ und sein Gehilfe, der „zwarte Piet“, im Zentrum des Geschehens. Da Sinterklaas das Pendant zum deutschen Nikolaus darstellt, gibt es die große Bescherung oft schon am 5. bzw. 6. Dezember. Dafür stellen die Lütten ihre Stiefel vor den Kamin und legen eine kleine Stärkung für Sinterklaas‘ Pferd dazu. Wenn grad keiner guckt, krabbelt der fleißige Mann durch den Schornstein und füllt die Schuhe mit allerhand Leckereien. Der 25. Dezember ist dann ein religiöser Feiertag.

Frankreich: Wie es sich für die Feinschmecker-Franzosen gehört, dreht sich bei ihnen an Heiligabend alles um das große Festmahl – „Le Reveillon“. Zum Nachtisch gibt es traditionell eine schokoladene Biskuitrolle, danach stellen die Kinder ihre blitzeblanken Schuhe zur Krippe im Wohnzimmer und die gesamte Familie stapft gemeinsam zur Mitternachtsmesse. Der gewiefte Weihnachtspapa „Père Noel“ nutzt die sturmfreie Zeit, um die Geschenke ungesehen in die Schuhe zu stecken.

Südeuropa        

Italien: Auch im Land von Pasta und Amore wird traditionell eine Krippe aufgestellt und festlich geschmückt – die „Presepio“ ist hier wichtiger als der Weihnachtsbaum. Wie auch die Österreicher tun die Italiener zu Weihnachten etwas für ihre Mitmenschen: Am 13. Dezember, dem Tag der Heiligen Lucia, speist man die Armen des Landes. Statt der Sternsinger kommt dann am 6. Januar die „Befana“, eine scheußliche Hexe, die an liebe Kinder Geschenke, an die unartigen Kohlestücke verteilt.

Spanien: Kohle statt Spielzeug bekommen böse Kinder auch in Spanien. Hier allerdings von den Heiligen Drei Königen, die traditionell am 6. Januar die Geschenke bringen. Am Vortag finden vielerorts Festumzüge statt, um die drei royalen Herren angemessen zu begrüßen. In den letzten Jahrzehnten haben sich jedoch unsere mitteleuropäischen Bräuche zunehmend ihren Weg in den Süden gebahnt und mittlerweile feiern viele Spanier wie wir Deutschen an Heiligabend unterm Weihnachtsbaum.

Griechenland: Heiligabend ist auch in Griechenland ein traditionsreicher Tag, an dem Kinder kleine Geschenke bekommen, allerdings ziehen sie vorher musizierend und singend durch die Straßen. Zum Schutz vor Kobolden werden von nun an bis zum 6. Januar, dem Hauptfest „Epiphania“, jeden Abend Weihnachtsfeuer entfacht. Die richtige Bescherung aber gibt es bei den Griechen traditionell am Morgen des 1. Januar: Der heilige Vassilius legt in der Silvesternacht Geschenke vor die Betten.

Osteuropa

Polen: Nach polnischer Tradition wird vom ersten Advent bis Heiligabend erst einmal gefastet, um dann beim Großfamilien-Schmaus das Weihnachtsfest einzuläuten. Allerdings erst, sobald es dunkel ist. Wer von euch schon einmal in Polen war, kennt die grenzenlose Gastfreundschaft unserer Nachbarn. Auch beim Feiertagsmahl wird deshalb für einen mehr gedeckt – ein Brauch, der Glück bringen soll. Ist der Bauch gefüllt, geht’s erst im Sturm an die Geschenke und danach mit allen in die Kirche.

Bulgarien: Auch rund um den Goldstrand hält man sich vor dem Festessen an das alte Fasten-Ritual. Und auch hier ist an der Tafel ein bisschen Aberglaube im Spiel: Die Zahl der aufgetischten Gerichte wie beispielsweise Kohlrouladen oder gefüllte Paprika muss in Bulgarien immer eine ungerade sein. Außerdem lässt man die Speisen über Nacht stehen, um auch die Geister der Toten zu verköstigen.

Tschechien: Potzblitz, auch in Tschechien herrscht Futterverbot! Na gut, hier beschränkt es sich auf den heiligen Tag – am Abend darf dann nach Herzenslust geschlemmt werden, danach bringt das Jesuskind die guten Gaben und es wird beschert. Das bei uns zu Silvester verbreitete Bleigießen und andere, typisch tschechische Zukunftsrituale gehören ebenfalls zum klassischen 24. Dezember.

Russland: Ja, Russland ist riesig – die Weihnachtstraditionen jedoch ziehen sich durchs ganze Land. Und ähneln wegen des Julianischen Kalenders witzigerweise am ehesten denen der Südeuropäer: Erst am 31. Dezember bringt Väterchen Frost, begleitet von seinen Gehilfen Neujahr und Schneeflocke, die Geschenke. Das große Weihnachtsfest mit allem Drum und Dran wird dann am 7. Januar gefeiert. Das russische Neujahr besiegelt die Weihnachtszeit nur vier Tage später offiziell.

Nordeuropa

Skandinavien: Aus uralten Winterbräuchen hat sich in Skandinavien über die Jahre das Julfest entwickelt – das mehrtägige Pendant zu unserer Weihnachtszeit. Beendet wird es mit dem 13. Januar, dem Tag der Heiligen Lucia, dem die längste Nacht des Jahres folgt. Doch nicht nur am Abend gibt es da noch einmal ein amtliches Fest mit Speis und Trank, in Schweden bekommen Familien im Zuge des Lussifests außerdem traditionell schon am Morgen den landestypischen „Glögg“ inklusive Frühstück serviert – von der ältesten Tochter des Hauses, die dabei einen Kerzenkranz auf dem Kopf trägt. Der wichtigste Feiertag ist nichtsdestotrotz Heiligabend: Wie wir Deutschen mampfen die Schweden unterm Tannenbaum, im Anschluss bringt „Jultomten“, der Weihnachtsmann, die Geschenke. In Norwegen hingegen kommen die wichtelartigen „Julenissen“ vorbei, um die Kinder zu beschenken. Rechtzeitig zu Heiligabend muss hier außerdem traditionell das Haus auf Hochglanz gebracht und genügend Holz gehackt werden, damit das Feuer über die Weihnachtstage nicht erlischt. Die alten Finnen machen am 24. Dezember das, was sie eigentlich immer tun: Sie gehen gemeinsam in die Sauna, danach wird klassischerweise das Fleischgericht „gebackener Schwede“ aufgetischt. Mmmh!

England: Ein Fest sondergleichen! Die Engländer dekorieren ihre Häuser zur Weihnachtszeit akribisch, vor allem der Mistelzweig darf natürlich nicht fehlen. Zwar hängen die Kinder am Heiligabend noch ihre Socken an den Kamin, befüllt werden sie von Santa Claus allerdings erst in der Nacht, sodass am Morgen des ersten Weihnachtstags ausgepackt werden darf. Am Abend des 25. kommen dann traditionell Truthahn und Plumpudding auf die Teller – eine typisch britische Süßspeise aus Mandeln, Backpflaumen, Semmelbröseln und Korinthen. Was in Italien die Befana ist in England „Mari Lwyd“: Die weiße Gruselgestalt zieht am 6. Januar von Haus zu Haus und stellt Rätselfragen – wer versagt, muss ihr nicht nur eine Leckerei anbieten, sondern wird zum Dank auch noch gebissen.

Irland: Zwar ist das irische Fest dem englischen sehr ähnlich, aber klar, dass im Land der Kobolde und heidnischen Bräuche auch die letzten Tage des Jahres nicht ohne ein paar Weihnachtsrituale vonstattengehen. So hat der Adventskranz der Iren beispielsweise fünf verschiedenfarbige Kerzen – die weiße in der Mitte wird erst an Heiligabend angesteckt. Am 26. Dezember, dem Tag nach dem fulminanten Christmas Dinner, wird der St. Stephans-Tag gefeiert: Mit Stechpalmen im Haar ziehen die Kinder hier als „Wren Boys“ singend von Tür zu Tür und sammeln Süßigkeiten, Taler für ihre Sparbüchsen und Spenden für gute Zwecke

 

*Gliederung im statistischen Sinne der vereinten Nationen

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