08.11.2016 · smart leben ·

Aus und vorbei: Preisbindung für Medikamente gekippt

Das nennt man wohl einen Paukenschlag: Der Europäische Gerichtshof kippt die Preisbindung für verschreibungspflichtige Medikamente in Deutschland. Was bedeutet das für Patienten, Krankenkassen und Apotheken? Sie lesen es in diesem Artikel.

Die Zeiten der Apothekenpreise sind vorbei

Bevor wir zum aktuellen Urteil kommen, müssen wir einen kurzen Blick zurückwerfen.
Viele Jahre waren Apothekenpreise ein geflügeltes Wort. Sie bezeichneten umgangssprachlich hohe, wenn nicht gar unverschämt hohe Preise für Produkte. Auch wenn der Begriff aus längst vergangenen Zeiten stammt, hatte er noch bis vor 15 Jahren auch durchgängig seine Berechtigung in deutschen Apotheken. Doch dann änderten sich die Zeiten. Das Internet hielt Einzug – und seit 2004 lassen sich Medikamente bei Versandapotheken online bestellen. Zudem fiel zu diesem Zeitpunkt die Preisbindung für Arzneimittel, allerdings nur für nicht verschreibungspflichtige Medikamente. Die Folge waren sinkende Preise in diesem Segment.
Der Untergang für die rund 20.000 deutschen Apotheker war das aber nicht, die Umsätze stiegen trotzdem Jahr für Jahr an. Im Schnitt machte eine öffentliche Apotheke 2015 mehr als 2 Millionen Euro Umsatz. Das lag unter anderem auch daran, dass es weiterhin eine Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente gab. Und jede Apotheke für jedes Medikament 3 Prozent des Einkaufspreises plus einheitlich 8,35 Euro pro Packung verdiente…
Doch nun gleich zum aktuellen Urteil.

Rabatte möglich – aber nur für Versandapotheken aus dem EU-Ausland

Diese Preisbindung, die auch für ausländische Versandapotheken galt, wollte die bekannte Internetapotheke DocMorris nicht hinnehmen. Sie beschloss mit der Deutschen Parkinson Vereinigung ein Bonussystem, das den Mitgliedern der Vereinigung Rabatte einräumte. Dagegen klagte wiederum die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs, der Fall landete schließlich vor dem Europäischen Gerichtshof. Die Richter entschieden jetzt, dass ausländische Versandapotheken Rabatte einräumen dürfen, weil die Festpreise den freien Warenverkehr in der EU beschränkt (Az. C-148/15).

Die Folgen des Urteils

Ganz klar, ausländische Versandapotheken freuen sich, DocMorris zum Beispiel gewährt bei jeder Bestellung 2 Euro Rabatt.
Patienten profitieren von der neuen Rabattmöglichkeit. Vor allem chronisch kranke, die regelmäßig auf rezeptpflichtige Medikamente angewiesen sind.
Auch die Krankenkassen sparen, wenn ihre Mitglieder Medikamente mit Rabatt im Internet bestellen und wenn sie direkt Vereinbarungen mit den Versandapotheken schließen.
Kritik am Urteil kommt natürlich von den deutschen Apotheken, die ein „Apothekensterben“ befürchten, da den lokalen Apotheken eine wichtige und konstante Einnahmequelle zumindest zum Teil wegbrechen könnte. Wie groß die Verzweiflung ist, zeigt die Forderung nach einem generellen Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Medikamenten in Deutschland seitens der Apothekerverbände, die schließlich sogar in der Politik landete. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) schloss sich der nicht so ganz zeitgemäßen Forderung an und will nun ein entsprechendes Gesetz in Auftrag geben. Dabei wird übersehen, dass die Versandapotheken einen entscheidenden Nachteil haben: Erst müssen die Rezepte zum Onlinehändler, danach werden die Arzneimittel verschickt. Das nimmt Zeit in Anspruch, die eigentlich nur bei Patienten nicht stört, die über einen längeren Zeitraum das gleiche Medikament einnehmen müssen. Bei Präsenzapotheken gibt es alle Medikamente innerhalb weniger Stunden, maximal.
Mittendrin stehen schließlich die deutschen Versandapotheken. Denn die dürfen, wie die Apotheken vor Ort, keine Rabatte auf rezeptpflichtige Medikamente geben. Sie hoffen nun, dass das Urteil des Europäischen Gerichtshof auch in ein deutsches Gesetz umgesetzt wird. Verständlich, weil die Konkurrenz aus dem EU-Ausland einen großen Wettbewerbsvorteil hat.

Zusammenfassung: Versandapotheken im EU-Ausland dürfen rezeptpflichtige Medikamente günstiger anbieten als alle Apotheken in Deutschland, die diese Arzneimittel zu Festpreisen verkaufen müssen. Die deutsche Politik will daraufhin den Versand dieser Medikamente komplett verbieten. Es bleibt spannend.   


Franziska Zachert Geschrieben von:

Mach Dein Insiderwissen zu Geld!
Steuererklärung starten

LETZTE BEITRÄGE

Bisherige Kommentare (Selber ein Kommentar hinterlassen)

  • Avatar Ben sagt:

    Frau Zachert,

    leicht recherchierbar ist, dass chronisch Kranke auch schon heute von unserem Sozialsystem von Zuzahlungen der GKV (und um die geht es u.a. bei den Boni der niederländischen Versender) befreit werden können, sobald diese 2 %, bzw. 1 % Ihres Einkommens übersteigen.
    Von niederländischen Versendern werden wiederum „Quittungen“ über nicht geleistete Zuzahlungen zur Vorlage bei der Krankenkasse erstellt, obwohl die Zuzahlung erlassen oder rabattiert wurde. Die Befreiungsgrenze des Versicherten wäre somit schneller erreicht.
    Solidarisch ist was anderes und vom handelsrechtlichen Standpunkt her gesehen ist dieses Vorgehen nicht zulässig, was auch ein entsprechendes Urteil des LG Ravensburg zum Ausdruck bringt.

    Auch erwähnen Sie leider nicht die unterschiedlichen Bedingungen für Einkauf und Abrechnung von Arzneimitteln. Die Einkaufspreise für die Apotheken in Deutschland sind nämlich ebenfalls bundesweit festgeschrieben, wohingegen diese Bindung für ausländische Apotheken nicht gilt. Nicht zu vergessen ist der Kassenabschlag, der bei Ihrer Rechnung von den 8,35 Euro Festzuschlag ganz schnell nur noch 6,58 übriglässt.
    Wie die Abrechnung der ausländischen Versender mit den Krankenkassen auch steuerrechtlich korrekt erfolgen kann, ist bisher ebenfalls noch nicht abschließend geklärt (vielleicht finden Sie dafür eine Lösung?). Solange werden die Vorteile von den Versendern gerne genutzt, die nach ihrer Aussage vor allem den Nachteil der örtlichen Entfernung hätten. Dass die Apotheken vor Ort wiederum Leistungen für das Allgemeinwohl erbringen, wie z.B. den Nacht- und Notdienst, das Herstellen individueller Arzneimittel oder die Versorgung mit Betäubungsmitteln, die nicht kostendeckend sind, wird gerne übersehen. Wir machen das gerne, denn am Ende stimmt die Mischkalkulation. Wenn Sie sich die Tarifgehälter von Apothekern oder das monatliche Betriebsergebnis einer durchnittlichen Apotheke ansehen, könnte es übrigens gut sein, dass auf Ihrem Gehaltszettel etwas mehr steht.

    Dass nach Ihrer Meinung nicht zeitgemäße Verbots des Versandhandels von rezeptpflichtigen Arzneimitteln ist gängige Praxis in 21 von 28 EU-Mitgliedstaaten.
    Ich nehme an, Sie leiden glücklicherweise an keiner chronischen Krankheit, sonst würden Sie womöglich auch keine Selektivverträge von Krankenkassen mit bestimmten Versendern für gut befinden. Denn bisher gilt – so wie die freie Arztwahl – auch die freie Apothekenwahl. Sie können sicherlich eine Lösung für den Fall anbieten, dass einem Diabetiker das Insulin ausgegangen ist und er dringend Neues benötigt. Womöglich hat die verbleibende Apotheke vor Ort kein Insulin mehr an Lager, da der Vertrieb hauptsächlich nur noch über das Internet abgewickelt wird. Selektivvertrag heißt zudem, dass der Patient das Arzneimittel in seiner Apothek nach Wahl erst einmal selbst zahlen und anschließend auf eine Erstattung hoffen darf.

    Was das Einsparpotential solcher Selektivverträge betrifft: Durch die vorhandene Preisverordnung mit verschiedenen Einsparinstrumenten wurden 2015 etwa 16 Mrd. Euro Einsparungen erzielt (effektiv gab die GKV ca. 32 Mrd. Euro für Arzneimittel aus). Diese Größenordnung müssten Selektivverträge erst erreichen, denn bei einem Wegfall der Preisverordnung wären diese sämtlich darauf bezogenen Vereinbarungen hinfällig.

    Die Apotheker befürchten kein Apothekensterben – es ist schon da. Wir befinden uns heute auf dem gleichen Stand wie ungefähr 1990 nach der Wiedervereinigung. In den letzten 5 Jahren ist ein Rückgang von etwa 21 000 auf 20 000 Apotheken erfolgt. Deutschland liegt damit übrigens unter dem EU-Durchschnitt.

  • Franziska Zachert Franziska Zachert sagt:

    Hallo Ben, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Dieser bereichert nicht nur mich, sondern sicherlich auch viele unserer Leser.


Kommentar schreiben (* Pflichtfelder)